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I. Abteilung. Abhandlungen.
dankt. Die Rechtsordnungen umfassen übrigens ein doppeltes, was wohl
unterschieden werden muß: einmal das Civi lrecht, welches aus der Idee
des eigentlichen Rechts oder des Friedens entsprungen ist, und zum andern
das Straf- oder Kriminalrecht, welches (wie andrerseits die Dankbar
keit, der Lohn u. s. w.) zur Idee der Vergeltung gehört. Worin liegt
nun das Eigentümliche der staatlichen Rechtsordnung — im Vergleich zu
den Erziehungsweisungen und den Sitten? Es ist ein zwiefaches. Die
Erziehungsmeisungen können sich über das ganze ethische Gebiet erstrecken,
d. h. sie können aus allen ethischen Ideen, soweit sie erfaßt sind, etwas
zum Ausdruck bringen; ähnlich die Sitten. Die staatlichen Rechtsordnungen
(Civilrecht und Kriminalrecht) greisen dagegen nur einen Bruchteil der
Ethik heraus, nämlich die Idee des Friedensrechts und die der Vergeltung.*)
Der andere Unterschied ist der: die Erziehungsweisungen und Sitten wen
den sich zunächst an die Freiwilligkeit; während die Rechtsordnungen (wie
alle staatlichen Satzungen) eigentliche Gesetze sind; d. i. positive Forderungen,
welche die Obrigkeit handhabt, — wo also nicht nach Willigkeit oder
Unwilligkeit gefragt wird, sondern nur nach Befolgung oder Nichtbefolgung.
Die sog. Weisheitssprüche sind inhaltlich im wesentlichen nichts
anderes als die Erziehungsweisungen. Der Unterschied liegt in der Form.
Während nämlich die letzteren möglichst deutlich und bestimmt sein wollen
und darum die knappste und einfachste sprachliche Form wählen, greift bei
den Weisheitssprüchen die rhetorische und poetische Kunst mit ein und sucht
der betreffenden ethischen Wahrheit einen gefälligen oder pikanten oder in
anderer Weise eindringlichen Ausdruck zu geben. Häufig kommt aber auch
noch ein anderes Moment hinzu, um deswillen sie wohl hauptsächlich den
Namen „Weisheits-"Sprüche erhalten haben. Sie lassen nämlich neben
den sittlichen Weisungen vielfach auch Klugheitsratschläge mit auftreten,
weshalb sie denn bei jenen auch gern die daran sich knüpfenden Segnungen
resp. abschreckenden Folgen hervorheben. In solcher Vermischung von
Sittenlehre und Klugheitslehre liegt eine - Schattenseite dieser Sprüche, weil
dadurch leicht verdunkelt wird, daß Sittlichkeit und Klugheit zwei ganz
verschiedene Dinge sind.
Wie oben bereits bemerkt, sind die ursprünglichen sittlichen Urteile
diejenige Erfahrungsthatsache, von welcher der Forscher zunächst ausgeht,
*) In den übrigen Staatsgesetzen (Verwaltnngsgesetzen) können auch die anderen
ethischen Ideen in irgend einem Maße zum Ausdrucke kommen. So z. B. in dem
Armengesetz, Unfallgesetz u. s. w. die Idee der Liebe; in der Schulordnung die
Idee der „Vollkommenheit" (Willens- oder Charakterstärke); in der Staats-,
Provinz-, Kreis- und Gemeinde-Verfassung, sofern hier überall das Repräsentanten
system eingeführt ist, die Idee der inneren Freiheit.

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