Aus dem Nachlasse ch F. W. Dörpfelds rc.
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nämlich deshalb, weil diese Äußerung des ethischen Denkens als die ur
sprünglichste auch die einfachste und darum die besehbarste ist. Die ab
geleiteten Formen — die Erziehungsweisungen, Sitten u. s. w. haben
vorab für ihn nur insofern Bedeutung, als sie mit vierfachem Zeugnisse
bekräftigen, daß er sich auf festem Boden, auf dem Boden der That-
sächlichkeit befindet. Das will sagen: das Ethische beruht nicht auf
Einbildung, auf Illusion, sondern ist etwas Wesen Haftes, dessen Dasein
sich jedem Menschen, der normal begabt und kein Idiot ist, ebenso auf
drängt, wie das Dasein des Ästhetischen und Logischen. Auf einer späteren
Stufe hat die Forschung sich allerdings auch mit den abgeleiteten Er
fahrungsthatsachen zu befassen, nämlich dann, wenn die wahren Kennzeichen
des Ethischen gefunden sind und damit die principielle Ethik abgeschlossen
ist. Denn indem es sich nun darum handelt, die praktische Ethik dar
zustellen, d. i. die gefundenen Principien zu Erziehungsweisungen, Rechts
satzungen rc. auszuprägen, so bieten sich die bereits vorhandenen Aus
prägungen, welche der naturwüchsige ethische Takt geschaffen hat, dem
Forscher zum willkommenen Vergleich dar, um einerseits durch dieses Ver
gleichen seinen Blick zu schärfen und andrerseits dieselben kritisch zu prüfen,
was darin richtig oder verfehlt ist.
Vielleicht hat der Leser den Wunsch, etwas näher besehen zu können,
wie aus den ursprünglichen Einzelurteilen die viererlei abgeleiteten That
sachen psychologisch sich entwickelt haben. Diese Frage gehört zwar eigent
lich in die Psychologie; doch werden ein paar Fingerzeige hier Platz finden
dürfen.
Die erste Denkthätigkeit, wozu die Einzelurteile anregen, ist ein Be
griffsbildungsprozeß. Sehen wir zu, wie derselbe entsteht. Das
Einzelurteil bezieht sich, wie wir wissen, immer auf eine bestimmte konkrete
Handlung. Angenommen z. B., jemand habe einem andern ein Ver
sprechen gegeben, aber dasselbe nicht gehalten, — nicht aus Not, sondern
vorsätzlich. Natürlich hat der Betroffene darüber bei sich selbst geurteilt:
das ist uprecht, das ist schändlich. Später erlebt oder erfährt er vielleicht
einen zweiten und dritten Fall dieser Art, über die dann dasselbe Urteil
gefällt wird. So stehen denn vor seinem Blicke mehrere Handlungen,
welche gewisse Merkmale gemein haben, nämlich daß ein Versprechen ge
geben und daß dasselbe vorsätzlich nicht gehalten wurde. Indem nun
diese gemeinsamen Punkte, weil sie in allen drei Handlungen vorkommen,
stärker ins Bewußtsein treten, so bildet sich dadurch und daraus natur
wüchsig eine allgemeine (abstrakte) Vorstellung, die jene^drei konkreten
unter sich begreift und etwa mit dem Namen „Wortbruch" bezeichnet wird?)
*) Vgl. „Denken und Gedächtnis", 5. Aufl. S. 7.

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