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I. Abteilung. Abhandlungen.
Nachdem so die drei konkreten Subjektsvorstellungen unter einen zusammen,
fassenden Begriff gebracht sind, kann auch das ethische Urteil eine all
gemeine Gestalt annehmen, d. h. die betreffende Person wird von da an
nicht mehr von jeder der drei Handlungen gesondert sprechen, sondern be
grifflich-summarisch sagen: der Wortbruch ist schändlich. Das wäre der
erste Schritt in der Entwicklung von den Einzelurteilen zu den abgeleiteten
Formen, die Generalisierung der Subjektsvorstellung und damit auch
des Urteils.
Nun ein zweiter. Bis dahin traten die ethischen Urteile, die be
sonderen wie die allgemeinen in der behauptenden Redeweise auf. In
den Erziehungsweisungen dagegen zeigt sich die imperative Redeweise.
Wie erklärt es sich nun, daß aus einem Behauptungsurteil ein imperatives
entsteht? Dieser Prozeß geht äußerst einfach vor sich, wie man tagtäglich
beobachten kann. Ist z. B. jemand über einen Stein gestolpert, so sagt
er sich sofort: ich muß künftig vorsichtiger wandeln, wenn ich nicht zu Fall
kommen will. Oder: Hat ein Schüler in seinem Aufsatze eine reichliche
Portion grammatischer und orthographischer Fehler gemacht und deshalb
eine beschämende Censur bekommen, so sagt er sich: ich m u ß künftig diese
Fehler zu vermeiden suchen -— wenn ich mir eine bessere Censur erwerben
will. Gerade so entstehen die ethischen Imperative. Ist jemand über
zeugungsmäßig zu dem allgemeinen Behauptungsurteile gelangt: der Wort
bruch (oder das Lügen oder der Betrug u. s. w.) ist etwas Schändliches,
so sagt er sich auch: ich darf nicht mein Wort brechen (nicht lügen, nicht
betrügen rc.) — wenn ich mich nicht selbst verurteilen, wenn ich nicht in
meinen eigenen Augen verächtlich werden will. Wir sehen also, daß die
Umwandlung des ethischen Urteils aus der Behauptungsform in die im
perative ein ganz naturwüchsiger psychologischer Vorgang ist, der gar nichts
Wunderbares oder Geheimnisvolles an sich hat. Wie nun aus diesen
Vorschriften oder Geboten, die jemand sich selber vorhält, Erziehungs
weisungen werden, sagt sich von selbst: es ist ja nur die Anwendung
desselbigen Imperativs auf eine andere Person. Die Weisung, welche der
Erzieher sich selbst giebt, giebt er auch dem Zögling, indem er spricht:
man muß sein gegebenes Wort halten, oder: du darfst nicht wortbrüchig
sein, nicht lügen, nicht stehlen u. f. w., oder in der geschärfteren Befehls
form: Du sollst nicht lügen, nicht stehlen u. s. w.
Über die Entstehung der übrigen abgeleiteten Thatsachen (der Sitten rc.)
noch etwas zu sagen, wird nicht nötig sein. Denn die staatlichen Rechts
ordnungen und die Weisheitssprüche sind, psychologisch betrachtet, nichts
anderes als die Erziehungsweisungen, und die Sitten sind die faktischen
Folgewirkungen der Selbstweisungen und Erziehungsweisungen, wo dieselben

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