Die Überfüllung der Schulklassen in Preußen rc. 157
findliche Partei viel versprechen kann, ohne fürchten zu müssen, daß man Er
füllung ihrer Versprechungen von ihr fordert. Daß Schule und Lehrer sich bei
einer freisinnigen Mehrheit nicht viel anders stehen würden, als bei einer kleri
kalen oder konservativen Majorität, das beweisen die bitteren Klagen der Lehrer
über das Verhalten vieler liberaler Bürgermeister, Stadträte und Stadtver
ordneten, besonders der großen Städte. Man denke nur an den Berliner Fort-
schrittsterrorismus in Schuldingen, an die Hartnäckigkeit, mit der sich andere
Städte der von der Regierung verlangten besseren Gehaltsskala widersetzt haben,
an die Findigkeit der Stadtväter, wenn es gilt, durch Erhöhung der Klassen
frequenz, durch Vermehrung der Pflichtstunden der Lehrer, durch Aufhebung der
Schulgeldfreiheit für die Lehrerkinder und'durch zahlreiche andere Künste die peku
niären Nachteile der neuen Skala wieder auszugleichen. Wenn die Lehrer solche
Thatsachen, von denen Lehrerzeitungen täglich berichten, sammeln wollten, so
würden sie vielleicht zu der Einsicht kommen, daß man, trotzdem das Vorhanden
sein einer gründlichen Volksbildung in geistiger wie in sittlicher Hinsicht eine
Lebensfrage für die liberale Partei ist, dennoch in den Kreisen des liberalen
Bürgertums nicht viel mehr Interesse für die niederen Volksschulen hat, als etwa
in den Kreisen des Landadels, der höheren Beamten u. s. w. Wenn umgekehrt
die konservative Partei es nicht an Äußerungen fehlen läßt, die geeignet sind,
die Lehrer von ihr abzuschrecken, so darf man daraus keineswegs den Schluß
ziehen, diese Partei sei im Prinzip der Volksbildung feindlich gesinnt. Wahrhaft
konservative Männer, zu denen ja auch der Kultusminister Dr. Bosse gehört,
haben mindestens ebenso viel Interesse an einer tiefen gründlichen Bildung des
Volkes, als mancher liberale Fürsprecher der Lehrer. Wenn einzelne Männer
in der konservativen Partei der Ansicht sind, ein größeres Maß von Wissen und
Bildung, als dem niederen Volke gegenwärtig zu teil werde, würde nicht nur
überflüssig sein, sondern sogar schädlich wirken; wenn sie dabei in oberflächlicher
Weise Wissen und Bildung für gleichbedeutend fasten; wenn sie sich von dem
Auftreten des modernen Lehrers abgestoßen fühlen und den alten guten Lehrer
zurückwünschen, der zufriedener war als der heutige Lehrer, so sollte man doch
für die Äußerungen einzelner Männer nie die ganze Partei verantwortlich machen.
Man sollte doch nicht vergessen, daß solche Äußerungen, wie sie z. B. Herr v.
Gerlach gethan hat/) doch im Grunde genommen nur die persönliche Ansicht
fl Vergl. Stenogr. Bericht über die 34. Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses, Bd.
II, S. 1079. vom 12. März 1894. „Der Minister sagte neulich, zunächst fehle uns
das tägliche Brot für die Schule! — — Aber ich möchte den Herrn Kultusminister
doch dringend bitten zu erwägen, ob die Staatsregierung nicht denen, die das gesegnete
tägliche Brot, d. h. die Kosten für die Schule aufbringen sollen, schließlich dadurch das
wirkliche tägliche Brot entzieht, und es einmal so weit bringt, daß allgemeine Ver
armung eintritt. — — Es ist ja ein schönes Ding mit so allgemeinen Grundsätzen wie
„Bildung macht frei," oder: „Es ist etwas Schönes, wenn der Mensch recht viel ge-

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