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I. Abteilung. Abhandlungen.
quenz der Schulen immer größer wird. Daraus erklärt sich auch das
Verhalten der politischen Parteien.
Allerdings würden die Vermögensunterschiede der einzelnen Volksklassen weit
weniger drückend auf die Schule wirken, wenn die Zustände auf religiös-kirch
lichem Gebiete nicht gar zu trostlos wären. Wie viele von den Besitzenden sehen
denn noch ihr Eigentum als eine von Gott verliehene Gabe an, die sie nicht
nur zu eigenem Wohle, sondern auch zum Besten ihrer Brüder zu verwalten
haben? Wieviele von ihnen sehen denn überhaupt noch in dem Besitzlosen ihren
christlichen Bruder? Erhebt nicht gerade deshalb die Revolution ihr Haupt
immer kühner, weil Gleichheit und Brüderlichkeit im religiösen, also berechtigten
Sinne so vielfach verloren gegangen sind? Ist das nicht eine Folge jener
Glaubenslosigkeit, die in der herrschenden Unkirchlichkeit ihren äußeren Ausdruck
findet? Unter den Folgen solcher glaubens- und liebeleeren Gesinnung leidet auch
die Schule. Mit Recht sagt Dörpfeld^) „Das Volksschulwesen muß auch an
die Liebe appellieren." Wie aber, wenn diese Liebe in denen erkaltet ist, die
sie am besten üben könnten? Wie, wenn Mammonsdienst hier den Gottesdienst
erstickt? Daß dies in umfassendem Maße geschehen sein müsse, macht unter
anderem auch der Zustand unseres Volksschulwesens wahrscheinlich, und manche
Beschlüsse unserer politischen Körperschaften, vom einfachen Gemeinde-Vorstand
bis zum Parlament hinauf, werden nur durch die Annahme erklärlich, daß dabei
nicht die christliche Liebe, sondern die nackte Selbstsucht in der Majorität war.
Es soll ja nicht geleugnet werden, daß christliche Liebe in unserem Volke noch
schöne Blüten treibt. Das beweist die Thätigkeit der inneren Mission. Allein
diese Liebesarbeit hat sich mehr im kleinen und einzelnen gezeigt, ohne ihre
Kräfte zu großen Gesamtwirkungen vereinigen zu können. Dazu fehlte ihr die
Unterstützung weiterer Volkskreise. Bor allen Dingen aber sollte man die Übel,
an denen unser Volkskörper krankt, an der Wurzel angreifen, anstatt nach Kur
pfuscher-Art die Erscheinungen der Krankheit allein zu bekämpfen. Es liegt doch
klar auf der Hand, daß eine Neubelebung unseres Familien- und Gemeinde-
lebens^) nach seiner national-politischen, kirchlichen und pädagogischen Seite hin
zahlreiche Rettungshäuser, Besserungsanstalten, Magdalenen-Asyle u s. w. ent
behrlich machen würde. Sobald man sich nicht mehr darauf beschränken wird,
den klaffenden Wunden unseres Volkskörpers lindernde Pflästerchen aufzulegen,
sondern den krankenden Leib selbst zu heilen suchen wird, nruß man auch darauf
aufmerksam werden, daß eine der schlimmsten Krankheitsursachen in dem mangel
haften Zustand unseres Volsschulwesens zu suchen ist. Ehe nicht die leitenden
*) Freie Schulgemeinde. S. 278/279.
2 ) Das Verdienst auf eine solche mit allem Ernste hingewiesen zu haben gebührt
Herrn Direktor vr. Barth zu Leipzig. Vergl. dessen Werk: Reform der Gesellschaft.
Leipzig bei Reichardl. 3 M.

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