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I. Abteilung. Abhandlungen.
dagegen bei der Gemeinde auf Verbesserung seines Einkommens, so macht er sich
mißliebig. Kurz, es ist ihm bei ungünstigen Schulverhältnisten sehr schwer ge
macht, auf irgend eine Weise Einfluß zu gewinnen.
In der gleichen Lage ist jedoch auch der vom Staate berufene und ver
ordnete Vertreter der örtlichen Schulinteressen, der Geistliche. Zwar sind ihm
mehr Mittel verliehen, für die Schule zu wirken, als dem Lehrer. Er ist
der Vorsitzende des Schulvorstandes, er erteilt Erlaubnis, stellt Zeugnisie aus,
inspiziert die Schule, er ist der im eigentlichen Sinne verantwortliche Leiter der
selben?) Trotzdem ist seine wirkliche Macht in keinem Falle allzugroß. Ist er
ein treuer Mann und ein demütiger Nachfolger Christi, so folgen ihm zwar
willig Lehrer und Gemeinde. Aber ein solcher Mann hat keine Zeit sich mit
voller Hingabe den Jnteresien der Schule zu widmen. Das Studium der theo
logischen Wissenschaft, die Seelsorge in der Gemeinde, die Vorbereitung auf die
Predigt, die Amtshandlungen, kurz die Arbeit für das Reich Gottes nimmt Zeit
und Kraft eines Mannes vollauf in Anspruch. Überdies pflegen es Geistliche
dieser Art gewöhnlich bereitwillig einzugestehen, daß sie in den technischen Schul
fragen nicht kompetent seien. Sie besuchen meist die Schule nicht allzugern,
sondern lassen im Vertrauen auf des Lehrers Treue ihn arbeiten, wie er will.
Im übrigen suchen sie für die Schule durchzusetzen, was die Staatsschulver
waltung verfügt. Ernstliche Besserung trauriger Schulverhältnisie können sie je
doch aus mancherlei Gründen leider nicht herbeiführen. Einmal gebietet ihnen
die Natur ihres Berufes, nicht durch Gewalt, sondern durch liebevolle Überredung
zu wirken. Ein Durchgreifen mit fester Hand würde ihre ganze Stellung zur
Gemeinde gefährden, denn wo materielle Jnteresien in Frage kommen, da hört
bekanntlich „die Gemütlichkeit" auf. Wer wollte es ihnen verargen, wenn sie,
vor die Wahl gestellt, den Interessen der Kirche oder denen der Schule zu dienen,
jenen den Vorzug geben? Daß dabei die Schule zu kurz kommt, ist nicht ihre
Schuld, sondern dessen, der ihnen aus „Billigkeitsrücksichten" zumutet, zweien
Herren zu dienen. Dazu kommt endlich, daß zahlreiche und wahrhaft christlick
gesinnte Vertreter der Kirche die unheilvolle Meinung hegen, die Schule müsse
ein Glied der Kirche bleiben, um dieser dienen zu können. Sie vermögen es
nicht einzusehen, daß nur ein freies, selbständiges Schulwesen im Bunde mit der
Kirche dieser zum Segen gereichen kann, und daß die Aufgaben, welche die
Gegenwart der Kirche und der Schule stellt, eine Arbeitsteilung zur dringenden
Notwendigkeit machen. Wenn das schon von treuen, christlich-gesinnten Geist
lichen gilt, was wird dann von Pharisäern und Mietlingen zu erwarten sein?
Entweder lieben sie ihre Bequemlichkeit und kümmern sich weder ernstlich um die
') Das ist auch äußerlich durch die Thatsache dokumentiert, daß nur er, nicht aber
der Lehrer ein Dienstsiegel führt. Vergleiche Dörpfeld, Leidensgeschichte. 2. Auflage.
Seite 73.

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