Die Uberfüllung der Schulklaffen in Preußen rc.
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Interessen der Kirche noch um die der Schule, oder sie suchen ihre Freude in
der Befriedigung ihrer Herrschsucht. Da aber weder die. politische noch die kirch
liche Gemeinde es lange erträgt, wenn der Geistliche sich eine äußere Gewalt
herrschaft über sie anmaßt, so sieht sich derselbe bald jeglichen Einflusses auf
diesem Gebiete beraubt. Der einzige Mann, der sich dem herrschsüchtigen Priester
notgedrungen fügen muß, ist der Lehrer. So wird denn auf dem Gebiete der
Schule nachgeholt, was anderswo sich nicht mehr thun läßt. Es wird komman
diert, inspiziert, denunziert und mit alledem wird natürlich nicht die Schule ge
fördert, sondern nur die Kluft zwischen Geistlichen und Lehrern, zwischen Schule
und Kirche noch mehr erweitert. Von den Kreisschuliuspektoren im Nebenamte
gilt übrigens in gleichem Maße das, was von den Lokalschulinspektoren gesagt
wurde. Auch sie können sich nicht ganz und ungeteilt den Interessen der Schule
widmen und darum ist auch von ihnen für die eigentliche Schulpflege wenig zu
erwarten. Bei den herrschenden Zuständen im Schulwesen würde es jedoch selbst
den Schulinspektoren im Hauptamte nicht immer möglich sein, durchgreifende
Besierung zu schaffen.
Daran hindert vor allen Dingen die Schätzung der Pädagogik, als die
letzte und eigentliche Ursache unserer Schulzustände. Seit nun bald hundert
Jahren ringt die Pädagogik danach, daß man sie als Wissenschaft und Kunst
anerkenne; als Wissenschaft, deren Aufgabe es ist, auf Grund von Ethik und
Psychologie eine Theorie „der gesetzlich geregelten Entwicklung des sittlichen Cha
rakters" auszustellen; als Kunst, die durch Einwirkung auf den Vorstellungskreis
des werdenden Menschen seinem Charakter eine der Persönlichkeit des Heilandes
ähnliche Gestalt zu geben und so jene Theorie zu verwirklichen sucht. Zahlreiche
treffliche Männer haben an dem Gebäude der Pädagogik gearbeitet, von Come-
nius und Pestolozzi an bis zu Herbart/) der nicht nur durch Schaffung einer
von idealem Geiste getragenen wissenschaftlichen Ethik und einer für die Bedürf
nisse des Pädagogen besonders brauchbare Psychologie die Grundlagen der päda
gogischen Wissenschaft und Kunst gelegt, sondern auch durch seine Pädagogik den
Bau derselben der Hauptsache nach vollendet hat. Männer wie Stoy, Ziller und
Dörpfeld haben ihn innerlich und äußerlich weiter geführt, andere wie Vogt,
Rein und Flügel arbeiten noch jetzt daran. Gleich einem pädagogischen General
stabe bemüht sich der Verein für wissenschaftliche Pädagogik, ein den Prinzipien
der Pädagogik entsprechendes Lehrplansystem aufzustellen und es den besonderen
Verhältnissen der verschiedenen Schularten anzupassen. Zahlreiche kleinere Ver
einigungen haben sich gebildet, deren Glieder sich die Ergebnisse der pädagogischen
st Diejenigen, welche zwischen Pestalozzi und Herbart einen Gegensatz zu finden
meinen, haben für keinen der beiden Männer rechtes Verständnis. Was jener dunkel
geahnt und verworren ausgesprochen, hat dieser klar erkannt und mit philosophischer
Schärfe zum Ausdruck gebracht.

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