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I. Abteilung. Abhandlungen.
Wissenschaft anzueignen suchen, um sie für ihre Schulen fruchtbar zu machen.
Aber all' diesen Bestrebungen fehlt Anerkennung und Förderung. Es scheint,
als solle sich an der pädagogischen Kunst aufs neue bewahrheiten, was Schiller
von der deutschen Kunst überhaupt sagt:
Kein Augustisch Alter blühte,
Keines Medizäers Güte
Lächelte der deutschen Kunst.
Darum sind auch von den Forderungen der Pädagogik, so oft und so wohlbe-
gründet sie auch vorgetragen wurden, noch so wenige erfüllt. Wir haben weder
selbständige Professuren für Pädagogik, noch pädagogische Universitätsseminare mit
Übungsschulen, noch ist es gestattet, mit den Theorien der Pädagogik in irgend
einer Schule praktische Versuche anzustellen. Ja, all die herrlichen Ergebnisse der
neuen Wissenschaft sind zahlreichen Lehrern höherer und niederer Schulen und
vielen das Schulwesen beeinflussenden Männern gänzlich unbekannt. Noch immer
halten Parlamentarier, Journalisten und Schriftsteller, Schulpatrone bürgerlichen
wie adeligen Standes und viele andre sogenannte Gebildete die Pädagogik für
eine Sammlung leicht erlernbarer Handwerksregeln, um den Kindern des niederen
Volkes die Gebote, das A B C und Einmaleins beizubringen, und diesen „eleu-
sinischen Mysterien" den Namen einer Wissenschaft und Kunst zu geben ist ihnen
weiter nichts, als ein Beweis schulmeisterlichen Hochmuts. Hätte sich die Päda
gogik als Wissenschaft und Kunst allgemeine Anerkennung zu verschaffen gewußt,
so wäre es undenkbar, wie die Geistlichen es versuchen könnten, neben Theologie
und Predigtkunst noch Pädagogik und Unterrichtskunst beherrschen zu wollen. Es
wäre unmöglich, daß man in unseren Parlamenten Leute über Schulfragen
reden ließe, die sich über die einfachsten pädagogischen Begriffe keine Klarheit ver
schafft haben; ja daß man solchen Männern, wie dem Urheber des eben ge
nannten unvergeßlichen Hohnwortes die Leitung des Schulwesens übertrüge; 1 )
daß man unsere Schulverfassung mit ihren Mängeln fortbestehen ließe; daß
man sich durch Einbringung von Gesetzen wie das von 1887 selbst die Hände
und Füße bände; daß man in einem Atem aus die hohe Bedeutung des Volks
schulwesens hinwiese und dabei ihm die Lebensadern unterbände ; daß man trotz
der traurigen Zustände in demselben doch noch mit Stolz von der unvergleich
lichen preußischen Volksschule zu reden wagte; daß man dem Volksschullehrer
selbst die „notwendigen Kompetenzen" nicht gewähren könnte und doch fort und
fort die größten und mannigfachsten Leistungen von ihm forderte. Das alles
wäre unmöglich, wenn nicht die deutsche wissenschaftliche Pädagogik, auf die wir
mit Recht stolz sein können, den meisten Deutschen so gut wie gänzlich unbe
kannt wäre." 2 ) Von welch' einschneidender Bedeutung gerade dieser Umstand ist,
1) übrigens soll Herr v. P. trotz seiner geringschätzigen Ansicht von der Schul
arbeit dennoch ein warmes Herz für die Lehrer gehabt haben.
2 ) Professor F. Schulze zu Dresden im Vorwort zur Übersetzung von H. Spen
cers Erziehungslehre,-S. IV.

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