170
I. Abteilung. Abhandlungen.
sehr frühe schon ernstlicher Gegenstand seines Interesses und seiner Er
örterungen: Philosophie und Theologie mußten ihm zu seinen hochgesteckten
Zielen dienen.
Gewiß war er, auch abgesehen von seinem Beruf, als christlicher
Denker mit seinem Innersten an der Lösung der Probleme der Philosophie
und Theologie beteiligt; aber er hätte in seiner strengen Selbstbeschränkung
auf die Berufspflichten nicht selbst dazu das Wort ergriffen, wenn ihn
nicht die schweren Hemmnisse, die ihm bei der Untersuchung der Form und
Früchte der religiösen Unterweisung und sittlichen Erziehung entgegentraten,
dazu gedrängt hätten. Er hätte wohl Fähigkeit und Neigung genug ge
habt, an der rein theoretischen Bearbeitung der psychologisch-ethischen und
religiösen Fragen sich zu bethätigen, aber nicht eine Stunde seiner karg
bemessenen Muße mochte er auf literarische Thätigkeit verwenden, ohne
stets das praktische Ziel vor Augen zu haben, wie die Unterweisung zur
Seligkeit für klein und groß immer besser und reiner ihren Zweck erfülle.
Daß sie ihren Zweck durchaus noch nicht erfüllt, mögen sich ja nur
die Selbstgenügsamen unter den Lehrern des Volkes verhehlen, diejenigen,
die immer die anderen Verhältnisse, nur nicht die eigene Arbeit für die
thatsächlich vorliegenden schweren Mißerfolge verantwortlich machen. Auch
Dörpfeld will ja seinem geplagten Stande keine größere Last aufgebürdet
misten, als er zu tragen vermag; er weiß sehr genau, daß dem Lehrer
nicht alles möglich ist, er glaubt nicht an eine Allmacht der Erziehung,
so wie sie erfahrungsmäßig gegeben werden kann; er will auch die Schuld
nicht auf andere Personen und Stände als solche abwälzen. Aber er läßt
auch nicht ab, bis er sich und anderen klar gemacht, wo denn eigentlich
der Haken steckt und welche Hindernisse aus dem Weg zu räumen, welche
verborgenen Lähmungen und Fesseln des Denkens und Wollens zu lösen
sind, damit die Erziehungsarbeit freudiger und „zielbewußter" ihr Werk
thun möge. Da nun der Religionsunterricht im engsten Zusammenhange
mit der geltenden Theologie steht, ja, von ihr abhängig ist, so fühlt er
sich auch verpflichtet nachzuforschen, ob in dem Betriebe der Theologie,
soweit er für diesen Zweck in Betracht kommt, ob in der wissenschaftlichen
Begründung der evangelischen Wahrheit alles in Ordnung sei und glaubt
nun wirklich da einen schweren Schaden entdeckt zu haben, an dem die
Theologie und damit die gesamte Christenlehre der evangelischen Kirche und
deren geistige Zeugungskraft krankt. Er nennt diesen Schaden „Ge
heime Fesseln der Theologie" und möchte ihn nicht nur aufdecken,
sondern auch die Mittel zur Lösung dieser Fesseln angeben und einer wirk
sameren Apologie und Grundlegung des christlichen Glaubens den Weg
bahnen.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.