Die geheimen Fesseln der Theologie.
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Apologetisch, nicht kritisch ist sein Werk gemeint, mit dessen
Grundgedanken er die letzten Jahrzehnte sich immer wieder befaßte und
mit dem er gern auch nach seinem Tode der aus so vielen Wunden blu
tenden Christenheit einen Samariterdienst erwiesen hätte. Es jammerte
ihn, wenn er die Kirche mit ihren reichen und allein wirksamen Heils
kräften auf der einen und die zahllosen Kirchenscheuen, die Gebildeten
und Verbildeten auf der andern Seite sah, die der Heilung so sehr be
dürfen und im tiefsten Herzensgrund danach seufzen, aber beide wissen
nicht mehr zusammenzukommen, haben keine Fühlung mehr, verstehen ein
ander nicht. Die Kirche hat auf ihrer Eingangspforte stehen: Du mußt
glauben, wer nicht glauben mag, ist vom Heile ausgeschlossen. Richtig,
das Ergreifen des Heils besteht ja im Glauben. Nur der Glaube dringt
ins Heiligtum. Aber hatte der Tempel nicht einen Vorhof? Sind die,
die noch nicht glauben können, wirklich verloren, darf die Kirche sie sich
selber überlassen? Weiß sie mit ihnen nicht anders zu verhandeln als
indem sie ihnen gerade die Leistung als erste Bedingung vorschreibt, die
sie zu leisten nicht imstande sind? Hat die Kirche etwa kein so volles
herzliches Erbarmen mit den Suchenden, Denkenden, Zweifelnden? Ist
der Zweifel nur Thorheit, der Verurteilung verfallen?
Nun, Dörpfeld wollte mit dazu helfen, daß die Kirche und die
Draußenstehenden wieder zusammenkämen, er wollte ihnen zeigen, ihr habt
noch ein großes gemeinsames Gebiet, auf dem ihr vor allem eigentlichen
„Glauben" euch erst einmal kennen und gegenseitig achten und verstehen
lernen müßt, und dieser Vorhof heißt die Ethik. Der große Schade,
an dem die Christenheit in dieser Beziehung krankt, besteht darin, daß die
Kirche bezw. eine irrende Theologie auch über dem Vorhof der Ethik die
Inschrift anbringt: „Du mußt glauben", daß sie das grundlegende Gebiet
der Sittlichkeit von ihrer Dogmatik abhängig zu machen sucht und damit
alle die ausschließt, die aus irgend welchen Gründen sich mit der Dogmatik
noch nicht befreunden können. Noch mehr, die Kirche verlangt, die Leute
sollen auch die ethischen Wahrheiten glauben, weil sie es so lehrt oder weil das,
was sie lehrt, in der h. Schrift stehe; sie verlangt also den Glauben in der
Form der Unterwerfung unter eine Autorität, von deren Glaubwürdigkeit ja
unmöglich ein jeder ohne weiteres überzeugt sein kann, geschweige einer, der
irgendwie zu zweifeln begonnen. Die Theologie huldigt immer noch dem
scholastischen Verfahren und hat sich dadurch unwissend Fesseln angelegt,
die ihr göttliches segensvolles Wirken in heilloser Weise hemmen; sie hat sich
durch die Scholastik in ihrer Arbeit an den Draußenstehenden geradezu selbst
lahm legen lassen. Das ist die geheime Fessel der Theologie.
Dörpfeld möchte der Kirche die von ihr selbst zugemauerte Eingangs-
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