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I. Abteilung. Abhandlungen.
thür der Ethik wieder öffnen Helsen, damit sie alle, die einmal die Regung
des Gewissens und damit die selige unstillbare Unzufriedenheit in sich zu
spüren begonnen, wieder mit freundlicher Stimme einladen und retten
konnte; und er möchte andrerseits den Kirchenscheuen die Binde von den
Augen nehmen, daß sie erkennen: die Kirche hat etwas Besseres zu bieten
als die gesetzliche Vorschrift „Du mußt glauben"; sie will und kann deines
Herzens tiefstes Sehnen wirklich durch die Gotteskraft des Evangeliums
stillen. —
So ist es sein Herzensanliegen an der Volkspädagogie *) im größten
Stil, das Dörpfeld zur Ausarbeitung dieses nachgelassenen Werkes „Ge
heime Fesseln" drängte; er wollte beiden Teilen, Subjekt und Objekt,
wieder zur rechten Erziehungsmöglichkeit verhelfen; insbesondere sollte es
eine Trostschrift für alle Angefochtenen und Zweifelnden, für „die
irrenden Brüder" werden.
Doch lassen wir den Verfasser selbst über die Tendenz seines Buches
reden. Er thut das in einem Briefe an einen kirchlich-konservativen Freund,
der für das Schulblatt apologetische Aufsätze eingereicht, in einer Weise,
die wie kein anderes Zeugnis in den innersten Herd seines literarischen
Wirkens hineinblicken läßt.
„Die christliche Apologie thut allerdings not. Deinen Gedanken, die
apologetischen Artikel vornehmlich auf den Erfahrungsboden zu
stellen, finde ich für das Bedürfnis des größeren Publikums durchaus
zutreffend. Es ist dies von jeher meine Ansicht gewesen. Anschauung!
Anschauung!
Was H. an deinen früheren Artikeln vermißt hat, weiß ich nicht.
Eins aber glaube ich erraten zu können. Es ist das nicht etwas,
das dir individuell angehört, sondern ein Partei-Charakterzug, ■—
ein Zug, den die alte Orthodoxie seit Speners Zeit — d. h. seit
dessen Verwerfung— an sich trägt, und den alle Hochkirchlichen,
kirchlich und politisch Konservativen, zumal im Osten, bis auf
den heutigen Tag mit sich schleppen, — der in der Regel auch mit
der scholastischen Anschauung verschwistert ist. Rund gesagt, ist
es ein unchriftlicher Zug, der sich darin zeigt, daß man an den
zu Belehrenden herantritt als an einen Gegner, und mit dem
i) Vgl. S. 206 f.: ... die Pädagogik im großen Stil, die Gesamtpädagogik,
welche nicht bloß die Unmündigen, sondern auch die Erwachsenen umschließt und
darum füglich „Änthropogogik" heißen könnte. Dazu gehört denn vorab die Jugend
erziehung in Haus und Schule, sodann die gesamte Wirksamkeit der Kirche oder die
praktische Theologie und ferner ein Teil der Wirksamkeit des Staates, nämlich soweit
derselbe in den Dienst der sittlichen Ideen tritt.

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