Die geheimen Fesseln der Theologie.
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Anspruch, daß man sich für berufen halte, an ihm Gericht zu üben,
während die christliche Mission sich doch lediglich legitimieren kann
durch Mitleid und Barmherzigkeit und wiederum nicht ostentativ,
sondern in wirklicher Demut. Zum Beleg verweise ich nur auf das
Beispiel und die Worte des Herrn Jesu .... (Vgl. S. 61 ff.,
123, 161.)
Auch ich bin seit länger als 30 Jahren mit einer größeren apo
logetischen Schrift beschäftigt. Dieselbe hat jedoch nicht einen un
mittelbar praktischen Zweck wie deine Versuche, sondern trägt
mehr einen wissenschaftlichen Charakter. Leider rückt die Arbeit
nur langsam fort, weil mir immer Notarbeiten anderer Art über den
Hals kommen. Es sind etwa 600 Quartseilen fertig und dies ist
noch lange nicht die Hälfte. Was mich zu dieser Arbeit getrieben
hat, das ist auch der Grund, warum ich im Schulblatte seit langem
nichts mehr über religiöse Dinge geschrieben habe. Ich hatte gemerkt,
es müßte erst etwas aus dem Wege geräumt werden, wenn meine
Stimme bei den Gegnern wie auf befreundeter Seite richtig ver
standen^ werden sollte. Die Glaubenshindernisse liegen an ganz anderer
Stelle, als die landläufige Theologie (die orthodoxe und die libera-
listische) meint. Hier muß erst eine Aufräumungs- und Aufklärungs
arbeit geschehen. Zu diesem Aufräumen bezüglich der positiven
Theologie gehört auch der Nachweis, daß dieselbe von Spener
gerade das Wesentlichste nicht gelernt hat und eben dadurch zum
Abfall der Gebildeten von der Kirche, der gleich nachher begann,
wesentlich beigetragen hat. Weiter gehört dazu der Nachweis, daß
die positive und die sog. moderne (liberale) Theologie beide an dem
selben Grundübel leiden, nämlich in der Spinoza-Schelling-Hegelschen
Metaphysik stecken — wenn auch zum Teil unwissentlich. Wie soll
da einer dem andern den Star stechen können, wenn beide daran
leiden? Um diese tragische Komik voll zu machen, kommt nun Ritschl
und rät den Theologen, sich gar nicht um Metaphysik zu bekümmern.
Gewiß, der einfache Christ braucht sich nicht darum zu bekümmern;
aber wenn die wissenschaftliche Theologie diese Losung ausgiebt, so
dankt sie als Wissenschaft ab und begeht obendrein eine Thorheit —
wenn auch unwissentlich. *) Denn irgend e i n e Metaphysik hat jeder,
der über religiöse oder naturkundliche Dinge wissenschaftlich denkt,
selbst wenn er das Wort „Metaphysik" nie gehört hätte, — und
’) Zu diesem Urteil bedarf es freilich der Erinnerung, daß Dörpfeld mit der
Herbartschen Schule unter Metaphysik etwas anderes versteht als jene Philosophen
und Theologengruppcn. D. H.

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