Wie kann der Lehrer die häusliche Erziehung der Kinder beeinflussen? 181
Beweggrund, sich der Erziehung seitens der Eltern willig zu fügen, dem Schüler
tief eingeprägt; sind doch das Bewußtsein von der elterlichen Autorität sowie die
innige Liebe die mächtigsten Motive des kindlichen Gehorsams, ähnlich, wie der
Gehorsam gegen Gott nach Luthers Erklärung der zehn Gebote nur möglich ist,
wenn wir ihn ,,fürchten und lieben". Pflegt also der Unterricht in den Schülern
heilige Ehrfurcht und herzliche Liebe zu Vater und Mutter, so beeinflußt dadurch
der Lehrer die häusliche Erziehung.
Kann dies aber auch durch das zweite Erziehungsmittel der Schule, die
Zucht, geschehen? —
Während der Unterricht mittelbar der Willensbildung dient, geschieht dies
in unmittelbarer Weise durch die Zucht. Weil nun auch die Familienerziehung
in letzterer Hinsicht wirksam ist, arbeiten zwei verschiedene Kräfte direkt an der
Lenkung und Stärkung des kindlichen Wollens. Ist nun diese Einwirkung eine
einheitliche, so daß sich der Wille des Kindes in derselben Richtung angetrieben
fühlt, so muß dadurch die Willensbildung besser gelingen, als wenn dieselbe nur
von einem der beiden Faktoren betrieben wird oder gar beide diametral entgegen
gesetzt wirken. So sehr also der Lehrer durch seine Schulzucht die religiös-sittliche
Bildung seiner Schüler fördert, wird dies der entsprechenden Thätigkeit der Eltern
zu gute kommen. Denn gerade wie im Gebiete der Mechanik gilt auch hier das
Gesetz: „Wenn zwei Kräfte einen Körper in derselben Richtung bewegen, ent
spricht das Resultat der Summe der beiden." Je mehr der Lehrer die einzelnen
Tugenden in seinen Schülern pflegt, desto einflußreicher wird in dieser Beziehung
auch die häusliche Erziehung sein; und wiederum: je weniger die Schule den
Willen stählt, mit desto geringerem Erfolg wird auch das Haus die Willens
bildung betreiben. — Will demnach der Lehrer mit allen ihm zu Gebote stehenden
Mitteln die häusliche Erziehung beeinflussen, so darf er sich nicht mit den ent
sprechenden Leistungen seines Unterrichts begnügen, sondern er muß auch durch
eine gute Schulzucht den Eltern unter die Arme greifen und ihnen in die Hand
arbeiten.
Wie steht es nun um eine diesbezügliche Hilfeleistung seitens der Re
gierung der Schule?
Die Schule will den Zögling dazu bestimmen, sich in all seinem Thun der
sittlichen Einsicht zu unterwerfen. Das wirksamste Mittel dafür ist die Ge
wöhnung. Durch die Regierung hat aber der Lehrer in dem Schüler solche Ge
wohnheiten zu pflegen, die mit der sittlichen Einsicht direkt nichts zu thun haben.
Ziller nennt sie „unbewußte Gewöhnungen" oder „mittelbare Tugenden." Hierzu
gehören Reinlichkeit, Schamhaftigkeit, Bescheidenheit u. s. w., lauter Dinge, die
auch die Familienerziehung zu pflegen hat; dafür, daß dieselbe darin durch die
Regierung der Schule vorteilhaft beeinflußt werden kann, sprechen dieselben
Gründe, welche im vorigen Abschnitt den Einfluß der Schulzucht auf die häus-

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