Wie kann der Lehrer die häusliche Erziehung der Kinder beeinfluffen? 183
mir demselben gewonnenen Erfahrungen zufrieden geben, so wird er oft erleben
müssen, daß dieser sich ihm entweder ganz oder teilweise verschließt oder anders
giebt als er ist. — Aber auch für den Fall, daß der Lehrer über die Natur
seines Schülers vollständig aufgeklärt ist, bedarf es seiner Hausbesuche. Ist es
ihm nämlich ernstlich darum zu thun, die Erfolge seiner Schularbeit zu sichern,
so muß er den Gefahren zu begegnen suchen, die jenen durch den Umgang des
Schülers drohen. Weil nun einerseits die Kinder den regsten Verkehr mit ihrer
Familie pflegen, andrerseits zur Abwehr einer Gefahr genaue Kenntnis derselben
erforderlich ist. wird der Lehrer die häuslichen Besuche nicht umgehen können.
Sehr wahr ist darum auch Gräfes Ausspruch: „Wenn manche Lehrer wüßten,
wie sie sich durch freundliche Rücksprache mit den Eltern ihren Beruf erleichtern
und ihre Lehrerwirksamkeil erhöhen könnten, so würden sie gewiß weder aus
Scheu vor der kleinen Mühe, noch aus Dünkel, noch aus falschen Ansichten ihrer
amtlichen Stellung es versäumen, dazu selbst Veranlassungen herbeizuführen." —
Darum sollte der Lehrer beim Antritt einer neuen Stelle so bald als möglich
die Eltern der Reihe nach besuchen, schon deshalb, damit man sich beiderseits
vorab wenigstens von Angesicht zu Angesicht kennen lerne. Ist dann der Ver
kehrsfaden in ganz ungesuchter Weise angeknüpft, so gilt es nun, die Besuche in
Zukunft gleichsam als Wiederholung des früher angeknüpften freundschaftlichen
Verkehrs fortzusetzen, wobei dann der Lehrer die Beeinflussung der häuslichen
Erziehung durch Anspornung, Belehrung u. s. w. im Auge haben muß.
Hierzu öffnete ihm nun die frühere Art der Lehrerwahl viel leichter bei
den Eltern Thür, Ohr und Herz, insofern er der Mann ihrer Wahl, ihres
Vertrauens war, während heutzutage ein aus wenigen Personen zusammengesetzter
Schulvorstand einer großen Gemeinde oder einem umfangreichen Schulbezirk den
Lehrer bestimmt, der dann als Fremdling kommt und ihr Vertrauen sich erst er
werben muß. Soll ihm das nun durch seine Hausbesuche gelingen, so bedarf es
bei der Ausführung derselben seinerseits der größten W eis heit. — Diese muß
sich zunächst darin zeigen, daß er nie zu sehr den Lehrer hervorkehrt. Mag er
für seine Person derartige Besuche immerhin als Pflichts- und Amtsgänge an
sehen, nämlich in seinem Gewissen, so darf er doch nie mit einem „Amtsgesichte"
erscheinen, als einer, der von oben herab die Leute belehren will. Vielmehr
komme er schlichtweg als teilnehmender Hausfreund, wozu namentlich traurige
und freudige Familienereignisse Veranlassung bieten können. Dann merken die
Eltern auch bald, daß die Liebe ihn treibt, wenn er sie gelegentlich betreffs der
Erziehung ihrer Kinder ermahnt und belehrt. Ferner hüte er sich, immer nur
die Rolle des Antreibenden und Belehrenden zu spielen; auch zeige er, daß es
ihm nicht weniger darum zu thun ist, auch sich selbst über die Kinder belehren
zu lassen. Vor allen Dingen versäume er nicht, auch das kleinste Interesse und
geringste Verständnis der Eltern für die Kindererziehung anzuerkennen; ein kurzes

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