Wie kann der Lehrer die häusliche Erziehung der Kinder beeinflussen? 185
ausschließlich als eine Verletzung der häuslichen Ehre, die nur Sühne ver
langt, während diese vielfach mehr den Schaden des Kindes ins Auge faßt,
der zur Abstellung besondere Sorgfalt beansprucht. Ebenso wird sich der Lehrer
wenigstens vorab nur an die Mutter wenden, handelt es sich um Dinge, auf die
namentlich sie zu achten hat. Wollte er sich etwa beim Vater über die Un
reinlichkeit der Kinder oder über die Unordnung ihrer Kleidung beklagen, dann
machte er sich zunächst bei der Mutter verhaßt, sodann würde sich der Vater
darüber ärgern, daß die häusliche Mißwirtschaft nicht mehr ein Geheimnis ist,
und endlich möchte ein Familienzwist nicht ausgeschlossen sein. Daher frage sich
der Lehrer bei seinen Besuchen: „Was geht den Vater an? Was die Mutter?
Was beide?" Führt er so die Hausbesuche, zu denen er sich selbst verpflichtet,
mit wahrem pädagogischem Takte aus, dann werden sie ihm ein nicht zu über
treffendes Mittel, die häusliche Erziehung seiner Schüler zu beeinflussen.
Hat der Lehrer in der angedeuteten Weise den Verkehr mit dem Eltern
hause angeknüpft und unterhalten, ist dasselbe infolgedessen von seinem Interesse
für alle Familienfreuden und -leiden überzeugt, so wird man denselben ab und
zu auch bei Festlichkeiten in der Familie nicht vermissen wollen. Dadurch findet
dieser dann Gelegenheit, in einen Kreis von Vätern und Müttern eingeführt zu
werden. Sollte er in diesem Falle nicht etwas im Sinne unseres Themas
unternehmen können? Es wäre doch gar zu schade, gerade jetzt, wo so manches
Elternpaar gegenwärtig ist, vielleicht manches, das sonst nicht „zu haben" ist,
mit einem passenden Worte der Ermahnung oder der Belehrung hinter dem
Berge halten zu müssen. Aber es ist „Vaters Geburtstag", in seiner nächsten
Umgebung bespricht man seine im letzten Jahre überstandene Krankheit, die kaum
noch auf ein Geburtsfest rechnen ließ; und drüben disputiert man eifrig über
eine neue Militärvorlage. Der Lehrer wird in die Debatte hineingezogen; an
ein Wort über Kindererziehung ist jetzt nicht zu denken. Die Unterhaltung wird
drüben immer lebhafter; da horcht auch der Vater auf. Aber für ihn, der kaum
genesen, hat die Armee einstweilen nur dadurch Bedeutung, daß sein Ältester
eine Zierde derselben ist und kürzlich „die Knöpfe bekommen hat." Dies gleich
mitzuteilen, drängt den berechtigten Vaterstolz; und daß der Sohn diese Aus
zeichnung verdient, da er doch immer so dienstfertig und pflichttreu war auch gegen
Vater und Mutter, bestätigt das glückliche Mütterchen. Damit ist die Militär-
vorlage unversehens „verabschiedet", die Herzen der Väter und Mütter sind jetzt
bei ihren Kindern, das Gespräch dreht sich ausschließlich um diese. Wie? Sollte
nun allein der Lehrer schweigen?
So wird sich wohl oft die Unterhaltung eines kleinen Kreises auch einmal
mit Erziehungsfragen beschäftigen; wenigstens sollte es der Lehrer zu veranlassen
suchen. Dabei ist aber noch größere Weisheit geboten, als bei seinen häuslichen
Besuchen. — Nie darf er in dieser Hinsicht aufdringlich erscheinen und „mit der
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