Wie kann der Lehrer die häusliche Erziehung der Kinder beeinflussen? 187
natürlich mit einer Fülle einschlägiger Geschichten ausgerüstet sein und in dieser
Beziehung die größte Allseitigkeit anstreben, um über einen Anschauungsstoff für
alle möglichen Erziehungsfragen und Erziehungsnöte zu verfügen. In dieser
Hinsicht gilt also nicht das sonst so berechtigte alte Diktum: Non multa, sed
multum; vielmehr: „Nicht nur viel, sondern auch vielerlei." Dem entsprechend
lese der Lehrer fleißig Biographien, sowie Berichte der Erziehungsanstalten und
-vereine; auch wird ihm eventuell der Verkehr mit einem Gefängnisprediger
diesbezüglich von Vorteil sein können. Aber damit, daß der Lehrer eine Menge
einschlägiger Geschichten kennt, ist es doch noch nicht genug; vielmehr müssen die
betreffenden Erzählungen, sollen sie sich zur Anknüpfung der Belehrung und Er
mahnung eignen, bestimmten Anforderungen entsprechen. Zunächst ist erforderlich,
daß sie die Aufmerksamkeit der Zuhörer wecken und bis zum Schluß fesseln. Zu
dem Ende müssen sie packend und kurz sein. Ferner müssen sie zu Fragen an
regen und dadurch in dem kleinen Kreise eine kurze Besprechung veranlassen;
dies ist ein Haupterfordernis. Denn der Lehrer soll hier nichts weniger, als
Pädagogik dotieren; er darf überhaupt nicht so sehr in den Vordergrund der
Unterhaltung treten. Er übernehme nach seiner Erzählung mehr die Rolle des
Anregenden, Leitenden und Interpellierten. Dann merkt er auch am besten, wenn
das allgemeine Interesse erlahmt, um dann unvermerkt das Gespräch einem an
dern Stoff zuzuwenden. Zwanglos wird also das Erziehungsgespräch auf
genommen, lebhaft weitergeführt und unvermerkt abgebrochen. Geht dann nach
einiger Zeit die Gesellschaft auseinander, dann darf der Lehrer auf dem Heim
wege des gewiß und froh sein, auch im festenden Kreise willkommene Aufnahme
gefunden zu haben für ein Samenkörnlein des Guten, das, wie ja alles Gute,
nicht fruchtlos sein wird.
Daß der gewissenhafte Lehrer, sollte er sonstwo mit den Eltern zusammen
treffen, sich wenn möglich mit ihnen über die Kinder in aller Kürze bespricht,
ist selbstverständlich. Dem „Meister Hämmerlein" gleich, das immer sein Hämmer
lein und ein paar Nägel mit sich führte, um hie und da die eine oder andere
Kleinigkeit zu reparieren und in Ordnung zu bringen, wird auch wohl der Meister
der Schule stets ein passendes Wort, einen kurzen Wink für die Eltern bereit
haben. Gelingt es ihm dadurch auch nicht gleich, bedeutende Mängel in der
häuslichen Erziehung abzustellen, so ermutige ihn auch dabei das Beispiel unseres
Gemeindeschmiedes, der doch nur wegen seiner Ausdauer und Stetigkeit in kleinen
Dienstleistungen die löchrichten Wege zum Gemeindeacker besserte. Daß auch der
Lehrer bei ähnlichem Verhalten sich Wege ebenen kann, nämlich zu den Herzen
der Eltern und Schüler, wird ihm bald in der Schule klar werden. —
So sehr es nun auch dem Lehrer erwünscht sein muß, mündlich mit den
Eltern über die Schüler und ihre Erziehung zu verhandeln, wird er doch nicht
Zeit und Gelegenheit genug dazu finden. Es sind eben der Familien so viel,
14*

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.