Bibel und Katechismus.
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Gottes komme," „wer nicht hasset Vater, Mutter, Weib, Kind, ja auch sein
eigen Leben, kann nicht mein Jünger sein rc."
Wir sehen also, die ethischreligiösen Aussprüche der heiligen Schrift sind,
wie aus dem praktischen Leben hervorgegangen, so auch für das jederzeitige
praktische Bedürfnis berechnet. Und die Würde, welche diese Schriften in An
spruch nehmen, besteht darin, daß sie für bestimmte Zeitlagen und gegebene Fälle,
das jetzt gerade Nötige sagen und daß sie es möglichst klar und möglichst ein
dringlich, kurz möglichst praktisch zutreffend sagen. In diesem Sinne, nämlich als
praktische Weisungen, wollen also ihre Anssprüche gelesen, verstanden und be
urteilt sein; die principielle oder allgemeingültige Wahrheit muß erst durch Ver
gleichung der Schrift mit Schrift, durch Besichtigung der Sache in natura, also
durch wissenschaftliche Forschung ermittelt werden. Dieser vorwiegend praktische
Charakter der didaktischen biblischen Schriften schließt natürlich nicht aus, daß
auch Aussprüche allgemeingültiger Art vorkommen; ob sie aber allgemeingültig
find, das läßt sich ihnen nicht äußerlich ansehen, sondern muß ebenfalls erst durch
wissenschaftliche Forschung ausgemacht werden. Wer nun jene Schriften nicht in
diesem Sinne ansieht, sondern ihre Normativität so versteht, daß ihre Weisungen
lauter ausgeprägte principielle Wahrheiten aussprächen: der thut den Autoren
schwer unrecht und mißbraucht ihre Gaben; er vergreift sich an der Wahrheit
und ist in Gefahr in die bedenklichsten Irrtümer zu geraten. Worin die Würde
der heiligen Schrift liegt, nämlich aus der Praxis und für dieselbe geschrieben zu
sein, darin liegt auch ihre einzigartig hohe Bedeutsamkeit für die religiöse Er
ziehung und für die Kulturentwicklung überhaupt: denn indem sie vorwiegend nur
praktische Weisungen giebt, so nötigt sie damit ihre Leser, die principiellen Wahr
heiten selber zu suchen, aber für dieses Suchen sind dann ihre praktischen Finger
zeige wiederum zugleich Direktive, Prüfstein und Korrektive. Was dieses Buch,
das Judenbuch, für die Erziehung und die gesamte Kultur bedeutet, hat die
Weltgeschichte für jeden, der sehen will, in den lapidarsten Zügen vor die Augen
gemalt. Welches sind die Völker, die das Erdreich beherrschen und immer mehr
ihrer Herrschaft unterwerfen? Diejenigen, welche sich zu diesem Buche bekennen,
die Christen. Und welches sind die Reiche, die in diesem christlichen Völkerareopag
nach Macht und Kultur obenan sitzen und die entscheidende Stimme haben?
Diejenigen, welche dieses Buch frei wirken lassen, die Germanen und Anglo
germanen in Europa und Nordamerika, — die Protestanten.
Das vermag das Judenbuch.
Stellen wir uns nun vor, anstatt der neutestamentlichen Evangelien und
Episteln hätte das Kollegium der Apostel die Christenheit mit einem normativen
systematischen Religionslehrbuche beschenkt, etwa in der Art der symbolischen Kate
chismen oder der Augsburgischen Konfession! Viele brave Leute, denen die Kirchen
spaltungen, das Sektenwesen und das wirre Durcheinander der religiösen An-
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