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I. Abteilung. Abhandlungen.
stahls verdächtig ist, insonderheit das achte Gebot besprechen, so würde er in der
selben ganz gewiß große Entrüstung hervorrufen, vielleicht um so mehr, als der
Verdacht berechtigt ist. Dasselbe würde der Fall sein, sollte er in ihrer Gegen
wart im kleinen Kreise, etwa bei einer Kindtaufe, die Schändlichkeit und den
Fluch des Stehlens ausführlich schildern. Predigt er dagegen im sonntäglichen
Gottesdienst vor versammelter Gemeinde über das achte Gebot, dann wird sich
sicherlich auch das Gewissen bei jenen melden und sie immerfort beschuldigen:
„Du bist der Mann!" ohne daß sie auch nur im geringsten dem Prediger-
grollen. — Woher nun die verschiedene Wirkung derselben Ursache? Der Grund
ist klar. — In der Kirche, wo sich Hunderte und Tausende kaum von Angesicht
kennen, geschweige hinsichtlich ihres Lebenswandels, sind sie nicht so sehr den
Zeigefingern und richtenden Augen der übrigen ausgesetzt; dazu liegt die An
nahme nahe, die Predigt habe andern gegolten. Nichtsdestoweniger erschauen sie
in dem vorgehaltenen Spiegel ihr eigenes Bild, das, ein Gegenstand des Ent
setzens, die heiligsten Vorsätze der Besserung weckt. In dieser Weise wird oft
die öffentliche Seelsorge im großen Stil die wirksamste Specialseelsorge. (Ein
schönes Beispiel dieser Art ließe sich hier aus den Mitteilungen eines Gefängnis
geistlichen anführen.)
Die Hausbesuche des Pfarrers stehen nun zu seinen sonntäglichen Predigten
in demselben Verhältnis wie diejenigen des Lehrers zu seinen Vorträgen an
Elternabenden. Beide machen einander nicht überflüssig und schließen einander
nicht aus. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Je häufiger der Lehrer die
Eltern besucht, desto williger werden sie auch bei ihm erscheinen, je mehr er ihnen
mit Specialunterweisung dient, desto mehr wird er für allgemeine Belehrung
Teilnahme und Verständnis finden. Ja selbst diejenigen, welche wegen nicht zu
überwindender Schüchternheit allein sich nie zu einem Gange zum Schulhause
entschließen konnten, werden denselben in Gemeinschaft mit andern schon wagen,
wozu sie schon der Gedanke ermutigt, der Lehrer werde sich nicht immer direkt
an ihre Person wenden. Versteht dieser es dann, ihrem bescheidenen, zurück
haltenden Wesen Rechnung zu tragen, sie ganz allmählich heranzuziehen, so werden
sie sich schon bei ihm wohlfühlen lernen, dann geht es ihnen, wie Dörpfeld in
einer Lehrerversammlung bemerkte, „wie den Neulingen unserer Konferenzen; an
fänglich sind sie still und stumm; aber man sehe sie nach ein paar Jahren wieder,
dann ist des Redens bei ihnen oft kein Ende."
Aber noch ein anderer Grund macht die Einrichtung von Elternabenden
wünschenswert.
Es ist eine bekannte Thatsache, daß größere Versammlungen oft mehr zu
thatkräftigem Handeln antreiben als Einzelbesprechungen. — So entflammte z. B.
in der denkwürdigen Rütlinacht die Rede Stauffachers den glühenden Zorn aller
Eidgenossen ob der Tyrannei der Vögte, daß sie dem Redenden ins Wort fielen

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