Wie kann der Lehrer die häusliche Erziehung der Kinder beeinflussen? 195
Aber wie steht es um die Möglichkeit der Ausführung? Stehen nicht auch
dem willigen Lehrer viele Schwierigkeiten hindernd im Wege? Verfügt er auch
über die erforderliche Zeit?
Daß die Beeinflussung der häuslichen Erziehung namentlich in Großstädten
schwierig und mühsam ist, läßt sich nicht leugnen. Wenn schon die fortwährende
Bewegung innerhalb der städtischen Bevölkerung, der ununterbrochene Wohnungs
wechsel die Bande zwischen Schule und Haus lockert, so tragen auch nicht wenig
die großen Schulsysteme dazu bei. Dieselben nötigen die Eltern, ihre Kinder
vielen Lehrern anzuvertrauen, obwohl doch gerade auf dem Gebiete der Er
ziehung die Arbeitsteilung sich nur in beschränktem Maße empfehlen dürfte. Dazu
ist es der Familie leichter, mit einem Lehrer einen segensreichen Umgang zu
pflegen als mit einem großen Kollegium.
Aber auch dem Lehrer bringen die großen Systeme in dieser Hinsicht Nach
teile. Arbeitet er nur an einem Schülerjahrgang, so muß er an ebenso viele
Familien sich anschließen, als er Schüler hat, wohingegen ihn die Thätigkeit in
einer Klasse mit mehreren Altersstufen nach dieser Seite bedeutend entlastet.
Zudem wird er in den Augen der Eltern desto mehr an Bedeutung für die
Erziehung ihrer Kinder verlieren, je mehr Kollegen sich mit ihm in dieselbe teilen.
Aber alles dies darf ihn hinsichtlich einer energischen Beeinflussung der
häuslichen Erziehung nicht entmutigen. Diese ist wirklich „des Schweißes der
Edlen wert."
Jedoch woher die Zeit nehmen? — Diese Frage hat nur im Hinblick auf
die unmittelbare Einwirkung auf die Eltern Berechtigung. Selbstverständlich hat
der Lehrer die freie Zeit zunächst seiner Präparation für öie Schularbeit, sowie
der eigenen Fortbildung zu widmen; nicht weniger muß er den Verpflichtungen
gegen seine Familie nachkommen. Trotzdem wird er bei ernstem Willen Zeit
finden, die Eltern betreffs der Erziehung ihrer Kinder anzuspornen, zu ermahnen
und zu belehren. Kann er sich dazu nicht aller ihm zu Gebote stehenden Mittel
bedienen, so wähle er die für ihn passenden aus. Wahrlich, jede Mühe und
Arbeit, deren er sich in dieser Sache unterzieht, ist nicht ohne Segen auch für
ihn. Der lebhafte Verkehr und Austausch mit den Eltern wird ihm eine wahre
Hochschule für die eigene pädagogische Einsicht. Wie die Bäche durch die Flüsse,
und die Flüffe durch die Ströme sich ins Meer ergießen und, von diesem auf
steigend, als Segen triefende Wolken zurückkehren zu den heimatlichen Fluren, so
geht dann ein Kreislauf des Segens hin und her zwischen Schule und Haus.
Verzichtet dabei der Lehrer in unbestechlicher Selbstlosigkeit auf jeglichen äußeren
Gewinn, dann fällt diese Seite seiner Wirksanikeit nicht unter das Wort: „Sie
haben ihren Lohn dahin;" vielmehr wird es einst auch zu ihm heißen: „Du
bist über wenigem getreu gewesen." Dann wird die Gemeinde, der er von Gott
zum Segen gesetzt war, dankbaren Herzens auch an seinem Grabe bekennen;

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