Das Freie Wort.
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zweimal monatlich in einer Stärke von 8 großen Seiten — Preis 2 Mark
halbjährlich. Der Herausgeber ist I. Pestalozzi auf Domäne Haydau, Post
Altmorschen in Hessen. Die Berechtigung zu der vorstehenden Bezugnahme auf
Joh Heinr. Pestalozzi liegt darin, daß der Herausgeber der genannten Zeitung
jenem ein Bluts- und Geistesverwandter ist. „Das Freie Wort" stellt sich die
Ausgabe: Hebung unseres Volkslebens durch Weckung und Stärkung der sittlich
religiösen Kräfte, oder mit einer Wendung auf die individuelle Seite: Es ist
zu erörtern, „wie wir es im Leben darzustellen haben, wie der im Glauben an
Christum stehende in den gegenwärtigen Zeitverhültnissen zum öffentlichen Leben
und den in ihm zur Darstellung kommenden Gegensätzen sich zu verhalten hat."
Heinrich Pestalozzi ist typisch für alle diejenigen, die die ungefärbte Liebe
treibt, anderen zu Helsen. Er sieht nicht nach rechts oder links, er holt sich nicht
Rat bei den Fachmännern, er legt rüstig selbst die Hand ans Werk in der
Überzeugung, daß den sittlichen Aufgaben der Zeit gegenüber jeder Pflichten hat,
die er selbst erfüllen muß, für die er keinen andern einsetzen kann. Mag er den
Beifall der „Zünftigen" finden oder nicht, mag er auch Fehlgriffe thun; die
Liebe wird doch den Sieg behalten! So wartet auch der Herausgeber des
„Freien Wortes" nicht, ob etwa die nach dem Herkommen und von Amtswegen
dazu Berufenen die Sache in die Hand nehmen, sondern er handelt aus sich
selbst heraus, nach dem durch die Reformation ins Licht gesetzten Gedanken
des allgemeinen Priestertums. Die wahre evangelische Freiheit liegt heutzutage
mehr in Banden, als sich die meisten träumen lassen. Zwar stehen wir weniger
unter dem Zwang von Staat und Kirche, als frühere Geschlechter, aber um so
mehr unter dem Bann der Parteien. Mit Worten, denen die Begriffe fehlen,
wird die Menge bethört. Die Phrasen und Schlagwörter der Parteien, wie sie
bei jeder neuen Frage auftauchen, sind nichts als Ketten und Bande, das eigene
Urteil der Leser gefangen zu nehmen. Anstatt über die Gefährlichkeit dieser von
unten stammenden Künste Klarheit zu schaffen, bedient sich jede Partei derselben,
mehr oder weniger unbewußt. Da können wir uns selbst wohl keinen bessere»
Dienst thun, als ein Blatt zu unterstützen, das nicht in fremdem Dienst, sondern
aus eigenem Beruf und Recht mit diesen Götzen um und in uns einen ehrlichen
Kampf führen will.
Ähnlich wie Heinr. Pestalozzi sich von seinen Zeitgenossen dadurch unterschied,
daß er bei der Erziehung, durch welche er die Wiedergeburt seines Volkes herbei
führen wollte, nicht mit einer Neuorganisierung der Erziehungsanstalten einsetzte,
etwa von dem Gedanken ausgehend, daß ohne die rechte Organisation der Schule
und ihrer Arbeiter kein rechter Erfolg möglich sei, sondern wie er mit einer
Kühnheit ohne gleichen (man denke an die Schrift: Wie Gertrud ihre Kinder
lehrt und deren ursprüngliche Bestimmung) die Erziehungsarbeit auf die individuellste
Basis stellte und jede Organisation geradezu unmöglich machte dadurch, daß er
die ganze Erziehung in die Hand der Mutter legen wollte, -so wird in der hier
empfohlenen Zeitung immerfort darauf hingewiesen, daß die beste Organisation
uns nicht helfen kann, so lange wir nicht darauf vor allem unser Absehen richten,
wie wir neue Menschen werden; ja es wird geradezu einem Aborganisieren das
Wort geredet. „Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes."
Um die Leser in den Stand zu setzen, aus eigener Anschauung sich ein
Bild zu machen von der Art des Herausgebers des „Freien Wortes", lassen wir
hier einen Artikel aus Nr. 28 des vorigen Jahrgangs folgen.

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