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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens k.
Von der christlichen Weltanschauung znm praktischen (angewandten)
Christentum
In den Ausführungen über „Religiosität" und „christliche Weltanschauung",
welche kürzlich unser Blatt gebracht hat, ist der Versuch gemacht worden, den
Gedanken auszusprechen, daß wahres, lebendiges Christentum weder durch Lehre
noch durch Institutionen könne festgehalten werden, daß es vielmehr nur in
christlichen Personen fortleben könne. Ist das der Fall, dann wird alles darauf
ankommen, daß die zur Kirche sich Haltenden zu wirklichen christlichen Persönlich
keiten werden. Daß dazu etwas anderes noch gehört, als bloße Teilnahme an
einem kirchlichen Verbände, wäre sie auch verbunden mit öffentlicher Zustimmung
zum kirchlichen Bekenntnis, ja noch etwas anderes als das Innehaben der von
der Kirche für unverfälscht ausgegebenen Lehre, ist im Grunde selbstverständlich,
wird jedoch häufig übersehen. Zu lange haben auch solche, die nur dem Namen
nach Christen sind, für christliche Persönlichkeiten sich gehalten, bloß weil sie mit
der Kirche in Verbindung stehen, ihre Predigt anhören und die von ihr aus
geteilten Sakramente, Taufe und Abendmahl, in Empfang nehmen. Da nun
aber nachgerade jedem klar wird, daß der kirchlichen Verbände, die sich gegen
seitig mißachten und gelegentlich verketzern, immer mehr werden, daß man sich
sogar in ein und demselben kirchlichen Verbände über Hauptfragen der Lehre
nicht nur streitet, sondern vollkommen entzweit, so kann es auch für keinen mehr
schwierig werden zu fassen, daß zu alle dem oben Genannten noch etwas hinzu
kommen muß, um einen kirchlich gesinnten Menschen zu einer christlichen Persönlich
keit zu machen.
Für denjenigen, der einigermaßen in der Bibel zu Hause ist, sollte es nicht
allzuschwer sein, dieses Etwas ausfindig zu machen, denn an Hinweisen darauf ist
sie voll. Dessen ungeachtet scheinen verhältnismäßig nur wenige zu ahnen, um
was es sich handelt. Man hat im allgemeinen weder Zeit noch Lust, mit solchen
Dingen sich ernstlich zu beschäftigen. Man spürt jedoch halb instinktmäßig in
allen Kreisen, die nicht gerade im Strom des Genußlebens dahintreiben oder auf
den trüben Wogen der Umsturzbewegung vorwärts zu kommen suchen, daß die
Gegensätze sich verschärfen und daraus schweres Unheil entspringen muß. Daher
fühlt man sich nicht selten gemahnt, doch entschiedenere Stellung auf Seiten der
Ordnung, der Sittlichkeit, ja auch der Religiosität zu nehmen, aber man sieht
nicht ein, wie man das bewerkstelligen soll. Ohne sich in klarer Weise Rechenschaft
zu geben über die in Frage stehenden Dinge, erkennt man, daß zur Heilung der
Schäden, zur Verhütung von Unheil viel geredet, geschrieben und gethan wird.
Mit einem gewissen Respekt steht man darum all dem gegenüber und sagt sich:
wenn alles das nichts hilft, was kannst denn du dabei noch thun? Darauf
zieht man im alten Geleise seinen Weg weiter.
Es hat allerdings etwas Entmutigendes, sehen zu müssen, wie aller Auf
wand von Geist und Verstand, von Aufopferungsfähigkeit und Nächstenliebe nicht
imstande ist, den Geist der Unzufriedenheit, des Neides und des Hasses in den
aufgeregten Volksmassen zu bannen und dem Egoismus, der alle Volksschichten
durchzieht und am Ruin der Nationen arbeitet, Schranken zu setzen. Wenn man
aber überhaupt noch glauben kann, daß das Böse in der Welt zu überwinden
sei mit Gutem, so darf man sich der Entmutigung nicht hingeben. Wenn man
so vielen erfolglosen Anstrengungen gegenübersteht, wird man da nicht zu der

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