Das Freie Wort. 199
Frage hingedrängt: fehlt es nicht irgendwo bei all den Anstrengungen; giebt es
wirklich kein Mittel mehr, um in unseren trüben, dem Verfalle entgegeneilenden
Verhältnissen eine Wendung zum Bessern bewirken zu können? Müssen denn
schließlich die Bajonette und Kanonen ins Mittel treten, wenn mit Gesetzen nicht
mehr zu helfen ist, oder diese gar mit Füßen getreten werden, und keine Autorität
mehr anerkannt wird?
Wir Menschen haben an der Natur eine Lehrmeisterin, deren Weisheit nie
versiegt; wir sind aber meist viel zu oberflächlich und träge, um uns durch sie
belehren zu lassen. Hören wir indessen zunächst einmal ihren Lehren zu.
Es ist Herbst geworden. Die Felder stehen leer; die Stoppeln sind um
gebrochen. Die schwarze, braune oder rote Erde liegt da, als hätte sie niemals
pflanzliches Leben getragen. Wer noch nie fruchttragende Felder gesehen hat,
würde nicht glauben können, daß noch vor wenigen Monaten auf ihr Tausende
und Millionen von hohen Halmen gestanden haben, an deren Spitzen schwer
wiegende Ähren hingen, und daß alles aus diesem starr scheinenden Erdenschoß
habe hervorwachsen können. Die Bäume verlieren ihr saftiges Grün und schmücken
sich für wenige Wochen mit einem bunten, gelb und rot schimmernden Gewände,
um dies hernach abzuwerfen und für geraume Zeit kahl dazustehen. Wer noch
nie etwas davon gehört hätte, daß die in so zahlreichen Arten vorhandenen
köstlichen Kern- und Steinfrüchte auf solchen jetzt kahlen Bäumen gewachsen wären,
oder wer nie einen Baum hätte voll Früchte hangen sehen, der würde schwer zu
überzeugen sein, daß das möglich wäre. Wenn er aber die Dinge zu fassen
vermöchte, müßte in ihm sofort die Ahnung aufsteigen von dem Vorhandensein
geheimnisvoller Kräfte, die zu gewissen Zeiten in Thätigkeit treten, um dann nach
vollbrachter Arbeit wieder in Unthätigkeit und Ruhe zu verfallen, damit die Natur
zu neuem Schaffen Kräfte sammle.
In solchem Prozesse stellt sich uns ein Bild des Auflebens und Hinsterbens
dar, welches in millionenfacher Gestalt ohne Unterbrechung in der Schöpfungswelt
sich vollzieht. Im Werden und Vergehen, im Leben und Sterben bewegt sich
der wunderbare Kreislauf alles Geschaffenen. Auch wir Menschen sind den ihn
regierenden Gesetzen unterworfen. Auf ein Werden, ein Erwachen und ein Sich-
Entfalten zu reichem Leben folgt ein Stillestehen, ein Hinwelken und am Ende
dieses Prozesses steht ein Sterben, steht der Tod. Aber so wenig die starre
Erde und der kahle Baum in einem Erstarrungszustande verharren, ebensowenig
bleibt der Mensch in einem ununterbrochenen Todesschlafe gefangen. Er ver
schwindet auch nicht spurlos, ob auch sein Leib in Asche zerfällt; denn es wohnt
ihm eine Lebenskraft inne, die überirdischen Ursprungs, die unzerstörbar ist.
Weil nun aber der Mensch an diesem Prozeß des Werdens und Vergehens
teil hat, weil er ihm nicht entfliehen kann, so ist es naturgemäß und für ihn
heilsam, wenn er, als ein mit Vernunft begabtes Geschöpf, sich ihm nicht bloß
gedankenlos oder mit fatalistischem Leichtsinn unterwirft, sondern seine Stellung
innerhalb dieses Prozesses scharf ins Auge faßt, um sich alsdann zu fragen; was
habe ich nun zu thun. um der Absicht des Schöpfers entgegenzukommen, der auch
mich in jenen hineingestellt hat?
Ein unter vielen Millionen Menschen hervorragender Mann hat einst seinen
Schöpfer angeredet mit den Worten: „Herr, lehre uns bedenken, daß wir sterben
müssen, auf daß wir klug werden!" (Ps. 90, 12.) Die Erkenntnis der Grenzen,
die dem Dasein des Menschen gesteckt sind, macht diesen bedachtsam und weise,

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