20
I. Abteilung. Abhandlungen.
sichten Kopf- und Herzweh macht, und welche darum die freie Forschung für ge
fährlich halten, werden ohne Zweifel je und je schmerzlich bedauert haben, daß
das nicht geschehen ist. Gesetzt aber, es sei geschehen; welche Wirkungen würde
dann dieser apostolische theoretische Katechismus für die Erziehung und die gesamte
Kulturentwicklung gehabt haben — im Vergleich mit jenen rein praktischen
Schriften? Der Leser möge sich dies selber ausmalen. Zum Fingerzeig will ich
nur auf eine vor Augen liegende Thatsache hinweisen.
Als Dr. Luther seiner Zeit seinen kleinen Katechismus schrieb, hat er nicht
bloß ein nützliches, sondern ein hoch nötiges Werk gethan. Bei der mangelhaften
Bildung der meisten Geistlichen, bei der mangelhaften Ordnung des Kirchen- und
Schulwesens und bei der bedrohlichen Unruhe und Zerfahrenheit der Geister,
welche die plötzlich eintretende Reformation entfesselt hatte, war ein solcher norma
tiver Leitfaden unentbehrlich — nämlich für die Geistlichen selbst, für die Lehrer
und die Eltern und blieb wenigstens so lange unentbehrlich, bis das Kirchen-
Schulwesen soweit geordnet war, um sich auf die richtigen Wege und Mittel der
religiösen Jugendunterweisung besinnen zu können. Diese Besinnung ist leider
nicht geschehen; vielmehr wurde der Katechismus ganz wider seine ursprüngliche
Bestimmung zunl eigentlichen und Hauptlehrbuche des Religionsunterrichts gemacht,
und dazu obendrein so verkehrt behandelt, nämlich durch das wörtliche Auswendig
lernen, wie er nicht verkehrter behandelt werden konnte. So hat dieses sym
bolische Lehrbuch unschuldigerweise den religiösen Jugendunterricht auf Jahrhunderte
in arge Fesseln geschlagen, und selbst heutzutage ist noch nicht abzusehen, wie er
daraus erlöst werden soll. Die schliinmen Folgen liegen haufenweise vor Augen;
sie würden aber noch größer sein, wenn nicht der schlichte biblische Geschichts
unterricht, welcher früher von der Kirche niemals als eigentlicher Religionsunter
richt betrachtet wurde, wenigstens einigermaßen wieder gut machte, was der vor
nehme Katechismus verdirbt.
Wer nun auf protestantischem Boden die üble Wirkung eines theoretischen
Normalbuches nicht sehen kann, der sollte sie wenigstens auf römischem Boden
sehen können. Die sogenannten Lehrtraditionen, woran die alte Kirche so sorgsam
und treulich festhielt, waren im Grunde nichts anderes als ein normativer Kate
chismus, der da wies, wie die heilige Schrift verstanden werden sollte. Da man
nun in diesem Katechismus den principiellen Extrakt der heiligen Schrift bereits
fertig zu besitzen glaubte, warum sollte man sich da noch die Mühe geben, den
selben nochmals aus diesen Schriften herauszusuchen? So befaßte sich denn der
Religionsunterricht, selbst bei der Vorbildung der Geistlichen, bis zu den Hoch
schulen hinauf vornehmlich nur mit der abstrakten Lehre; die heilige Schrift sah
sich in die Ecke geschoben und wurde wenig beachtet. Das war die Lage der
Dinge durch das ganze Mittelalter hindurch. Erst dann wurde die heilige Schrift
wieder aus ihrem Winkel hervorgezogen, als die Humanisten überall auf Quellen-

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.