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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
verleiht ihm die Fähigkeit, die Entfaltung der in ihn gelegten Kräfte nach Möglich
keit zu betreiben, zu unterstützen, ohne es dabei zu thörichten, verderblichen Über
treibungen kommen zu lassen. Jene Grenzen nun sind nicht bloß solche, welche
an der Zeit gemessen werden können; es giebt auch Grenzen für die Entwicklung
unserer Kräfte, leibliche sowohl wie geistige. Diese Grenzen kommen dem denkenden
Menschen in jedem Augenblicke seines Lebens zum Bewußtsein und lehren ihn
verstehen, daß noch auf einem andern, viel tiefer liegenden Gebiete als dem des
leiblichen Daseins der Prozeß des Werdens und Vergehens sich vollziehen muß,
wenn der Mensch bei seiner Thätigkeit der Absicht des Schöpfers nahekommen,
wenn der Segen, die reife Frucht, aus diesem Prozeß für ihn gewonnen werden soll.
Unter der sichtbaren Hülle der Leiblichkeil wogt und webt das Leben des
Geistes. Es gehört nicht der Materie an und ist doch, so lange wir im Leibe
wallen, von derselben nicht zu trennen; denn jede geistige Funktion ist an ein
leibliches Organ gebunden, ohne welches sie nicht zu denken ist. Diese enge
Verbindung von Geist und Materie kann ohne wechselseitige Rückwirkung nicht
bestehen. Da beim Menschen die Triebe des Fleisches viel früher erwachen als
diejenigen des Geistes und es mit Bezug auf beide erst in reiferen Jahren zu
der notwendigen, durch die natürlichen Verhältnisse gebotenen Kontrollierung beider
kommt, so kann man sich darüber nicht wundern, daß der Geist zur Zeit seines
Erwachens bereits unter der Herrschaft des Fleisches steht und darum oft genug
über jene hinaus unter seiner Herrschaft ein Traumleben weiter führt, das bei
vielen überhaupt gar nie einem wirklichen Erwachtsein Platz macht. Unter diesen
Verhältnissen bildet sich in der einzelnen Persönlichkeit dasjenige aus, was die
Bibel den alten Menschen nennt, der infolge irrigen Gelüstens dem Verderben
anheimfällt?) Was aber im Verderben endet, ist nicht Gottes sondern des
Teufels Werk. Daher sind die Menschen des Satans Knechte, so lange auf sie
der biblische Begriff des alten Menschen als herrschender Zustand angewendet
werden kann. Nun ist Christus gekommen, daß er das Werk des Teufels zer
störe (1. Joh. 3, 8); es ist daher für den Menschen höchst notwendig, zu ver
stehen, wie das zugehen soll und wie er selbst dabei sich zu verhalten habe. Schon
in seiner Unterredung mit Nikodemus spricht Christus deutlich und klar aus, daß
zum Übertritt aus dem Reiche des Satans in dasjenige des allheiligen Gottes
eine Neugeburt notwendig sei, ein neues Werden. Was in diesem neuen Werden
ins Dasein tritt, ist nicht etwas, was eine bislang vorhanden gewesene Lücke
ausfüllte, sondern etwas, was an die Stelle von einem andern tritt, das als
unwert Platz machen, vernichtet werden, sterben soll. An derselben Stelle, an
der er vom Ablegen des alten Menschen spricht, mahnt Paulus, nunmehr den
neuen Menschen anzuziehen, der nach Gott geschaffen ist in Gerechtigkeit und
Heiligkeit. Dazu ist nun aber eine Erneuerung im Geiste des Sinnes (des
Gemütes) notwendig?) Daß dies nicht durch eine bloße Veränderung der An
schauungsweise ausgerichtet werden kann, braucht hier nicht weiter ausgeführt zu
werden. Es ist leicht ersichtlich, daß sie hierzu nicht ausreichte, ganz abgesehen
1) Eph. 4, 22. Luther übersetzt: der durch Lüste in Irrtum sich verderbet. Weiz
säcker sagt: der sich aufreibt in den Lüsten des Truges. Der Apostel Paulus will hier
offenbar nicht bloß von „Lüsten", gleichbedeutend mit Lastern reden, sondern von allen
Antrieben, jeglichem Sinnen und Gelüsten, das fleischlichen Ursprungs ist.
2 ) Ebenda Vers 23, auch Rom. 12, 2: Verändert euch durch Erneuerung eures
Sinnes (verwandelt euch durch Erneuerung eures Denkens. Weizsäcker).

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