Das Frne Wort.
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davon, daß für eine derartige Änderung erst eine ausreichende Begründung vor
handen sein müßte, wenn sie nicht überhaupt sinnlos genannt werden sollte. Der
Ausdruck „Erneuerung im Geiste des Sinnes" ist nun aber so beschaffen, daß
er augenscheinlich macht, es sei nicht nur eine Änderung des ganzen Sinnes —
anstatt bloßer Anschauungen — notwendig, sondern unser Sinnen selbst sei etwas,
das unter einer von außen her kommenden Beeinflussung stehe. Der Geist unseres
Sinnes, die Impulse unseres Sinnes, das bedeutet offenbar noch etwas mehr
als mit dem Ausdrucke „unser Sinn" gesagt werden kann. Diese Erkenntnis
bringt uns der Einsicht näher, auf welchem Wege die „Erneuerung des Sinnes"
stattzufinden hat. Ähnlich wie in der Natur muß ein Hinwelken, ein Absterben
dessen erfolgen, das durch etwas frisch Lebendiges soll ersetzt werden. Eine dieser
Auffassung entsprechende Anschauung finden wir wiederum bei Paulus, der Röm.
6, 6. von einem Gekreuzigtwerden des alten Menschen redet. Aber weil das
geistige Leben nicht wie die hinsterbende Materie in Staub und Asche zerfallen
kann, sondern ein unzerstörbares Dasein hat, so kann es sich beim Vernichten des
alten Menschen nicht bloß um einen einmaligen Vorgang von kurzer Dauer handeln,
vielmehr muß dessen Vernichtung sich zu einem Kampfe gestalten, der das Menschen
leben ausfüllt, bis der letzte Atemzug über die Lippen entflohen ist. Auch diese
Anschauung findet sich bei Paulus vor, welcher 2. Kor. 4, 16 davon spricht,
daß der innerliche Mensch von Tag zu Tag der Erneuerung bedürfe.
Also in einem fortgesetzten Sterben und Neu-werden vollzieht sich die Ver
änderung des Sinnes, welche die Bibel mit dem Ausdruck „Ablegen des alten
und Anziehen des neuen Menschen" näher bezeichnet. Die Aufgabe, die dabei
dem Menschen zunächst zufällt, ist das Sterbenwollen. Wenn man näher
zusieht, so reicht sie eigentlich kaum darüber hinaus; denn auch zum Absterben
des alten innerlichen Menschen bedarf es einer Kraft, die dem Individuum nicht
innewohnt, besteht jenes doch im Grunde schon in dem Überwinden einer ent
gegenwirkenden Gewalt, die das Alte nicht will zum Wegsterben gelangen lassen.
Vollends das Neu-werden kann unmöglich aus eigener Kraft bewerkstelligt werden.
Christus selbst beschreibt dieses Neu-werden als ein Geboren-werden aus dem
Geiste, demnach als einen Vorgang, der schlechterdings nicht aus dem Vermögen
dessen entspringen kann, der die Umgeburt selbst an sich erfahren soll.
Muß nun die Entwickelung des Menschen zur wahrhaft christlichen Persönlich
keit diesen Verlauf nehmen, dann ergeben sich daraus zwei Dinge ganz von selbst:
auf andern: Wege kann es zur Darstellung einer solchen nicht kommen und alle
erdenklichen Mittel, durch welche man sie dennoch zu stände zu bringen versucht,
müssen in ihrer Wirkung fehlschlagen. Dies ist ganz besonders auch hervorzuheben
angesichts all der Anstrengungen und Versuche der theologischen Wissenschaft, durch
Ausgestaltung und Veränderung alter und Ausstellung neuer Systeme der Christen
heit einen Heilsweg zu lehren, der um den Prozeß des Sterbens und Neu-werdens
im tiefsten Kern der menschlichen Persönlichkeit herumführen soll. Auch diejenigen
Herren Theologen, die sich nicht geradezu aufblähen lassen durch das Bewußtsein,
in ihrem theologischen Wissen die Schlüssel zum Himmelreich zu haben, welche sie
nebenbei gesagt so häufig benutzen, um Andersgesinnten die Thür zu demselben
zuzuschließen, können sich doch nur schwer von dem Gedanken losmachen, daß in
der wissenschaftlichen Theologie der Stützpunkt zu suchen sei, welcher der Kirche in
den Stürmen der Zeit allein den notwendigen Halt gewähren könne. Die in
den vorhandenen Zuständen sprechenden Thatsachen müssen diese Meinung indessen
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