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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
für jeden Sehenden als irrig und unhaltbar erscheinen lassen. Dessenungeachtet
hält die Theologenschaft daran fest und scheint ganz zu übersehen, daß die wachsende
Entfremdung der Theologen untereinander der Laienschaft längst die Augen über
die Schwächen des Theologentums als solchen zu öffnen angefangen hat. Man
rühmt es allerdings, daß in neuerer Zeit Anhänger ganz verschiedener, sich
gegenseitig ausschließender theologischer Systeme im öffentlichen Leben, namentlich
bei Behandlung socialer Fragen friedlich Hand in Hand gehen. Was aber zu
einer Ursache des Rühmens gemacht wird, erweist sich bei näherem Zusehen oft
genug als eine Erscheinung, deren man sich schämen sollte. Um irdischer Ziele
und Vorteile willen stellt man seine religiösen Überzeugungen, die man bislang
mit allem Eifer verfochten hat, in den Hintergrund und läßt sie unter Umständen
auch fallen, wechselt sie allmählich gegen andere aus, — wenn man die Erreichung
jener materiellen Ziele gefährdet sieht.
Solche Thatsachen müssen von der in weitgehende Verwirrung geratenen
Theologie der Wissenschaft, des Kopfes zurückführen zu einer Theologie des Herzens,
deren Grundsätze in wenige Worte zusammengefaßt werden können. Sie müssen
im Großen und Ganzen übereinstimmen mit dem, was in Vorstehendem gesagt
worden ist. Denn einen andern Weg giebt es nicht, auf welchem der Gedanke des
Christentums zu seiner Ausgestaltung in der christlichen Persönlichkeit kommen kann.
In solcher Ausgestaltung ist nun im wahren Sinne des Wortes das praktische
Christentum vorhanden. Indem man sich bemüht hat, den Begriff des
praktischen Christentums als eine Ausübung werkthätiger Nächstenliebe zu erklären,
hat man sich nicht allein einer Oberflächlichkeit schuldig gemacht, sondern gleich
zeitig die Möglichkeit geschaffen, daß man sich für einen, sein Christentum im
Leben beweisenden Menschen ansehen kann, ohne daß man genötigt wäre, dem
christlichen Grundgedanken auch nur im entferntesten nahe zu kommen, nämlich der
Neugeburt aus dem Geiste, vermittelt durch den Glauben an Jesum Christum.
Schon der alttestamentliche Standpunkt kennt das Gebot: Du sollst deinen Nächsten
lieben wie dich selbst und in zahlreichen einzelnen Vorschriften ist ein Verhalten
gegenüber dem Nächsten geboten, dessen sittliche Höhe im Punkte der Befolgung
derselben wohl nur wenige von denen erreichen, welche praktisches Christentum in
dem gekennzeichneten unzureichenden Sinne treiben. Allerdings hat Christus dem
Gebot der Nächstenliebe eine von der alttestamentlichen wesentlich verschiedene
Bedeutung beigelegt, indem er es einerseits bis zur Feindesliebe hin ausdehnte,
andererseits die Impulse zu seiner Befolgung über den Trieb zur Gehorsams
leistung hinaus in denjenigen der Dankbarkeit für alle Wohlthaten hineinverlegte,
welche der Mensch von Seiten Gottes erfährt und erfahren hat. Allein in dem
Gebote zur Übung der Nächstenliebe, in dem durch die geübte Selbstverleugnung
und eigene Hingabe dargebotenen Beispiele erschöpft sich Christi Absicht und Wille
nicht mit Bezug auf das, was die Menschen außer der Versöhnung mit Gott
durch ihn empfangen sollten. Eine neue Lebensschöpfung soll in ihnen entstehen.
Nicht bloß sollen ihnen Gedanken und Thatsachen zur Betrachtung dargeboten
werden, damit sie durch dieselbe zu neuer Anschauungsweise gebracht würden,
sondern eine neue Lebenskraft soll in sie hineingesandt werden, die es ermöglicht,
daß solche Anschauungsweise als etwas Originales, nicht als etwas bloß Adoptiertes,
aus innerer Notwendigkeit zustande komme. Darin besieht das einzig Eigenartige
und Geheimnisvolle in der Wirkung und in den Folgen von Christi Lebenswerk.
Es wird daraus ersichtlich, daß ein Erfassen dieser Eigenartigkeit für die Um-

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