Das Freie Wort.
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Wandlung eines Menschen zur christlichen Persönlichkeit von weit höherer Bedeutung
ist, als irgend eine dogmatische Erklärung über die Person Christi, seine Lehre
und sein Wirken sein kann. Die große Mannigfaltigkeit in der Veranlagung und
Entwickelung menschlicher Geisteskräfte, verbunden mit der ihrer Beschränkung an
klebenden größeren oder geringeren Einseitigkeit macht es unmöglich, daß auf dem
Wege verstaudesmäßigen Denkens und Abstrahierens eine einheitliche Überzeugung
bei ihnen sich herausbilde. Wo aber eine Erneuerung des innerlichen Menschen
durch den Geist Gottes stattgefunden hat, da wird auch eine lautere, natürliche,
keinerlei Verkünstelung an sich tragende Verstänoigung vlatzgreifen können zwischen
Menschen, die aus ganz entgegengesetzten Lagern Herkommen mögen. In solchem
Geschehnis offenbart sich die Macht des Christentums deutlicher, als in vielen
andern, die in der Welt großes Aufsehen erregen. Wenn jedoch heutzutage wenig
oder nichts derart vorkommt, so ist das dem Umstande zuzuschreiben, daß man
bei dem Erfassen des Christentums kaum mehr danach fragt, in welche Tiefe
man eindringen müsse, um seinen Kern zu finden, sondern sich meist genügen
läßt an dem Bewußtsein, teil zu haben an dem, was die Welt praktisches
Christentum heißt, und begnügte man sich selbst mit der Teilnahme an allerlei
Vereinsbestrebungeu, Wohlthätigkeits-Bazars, Konzerten, Vorstellungen, Lotterieen:c.
Darum thut eines vor allem not. Die heutige Christenheit muß sich
sagen lassen, worin das wahre Christentum sie führen will und der Einzelne muß
die Notwendigkeit einsehen lernen, daß sein alter, innerlicher Mensch erneuert
werde zu einem Gebilde Gottes. Dann bedarf es .des ernsten, aufrichtigen
Entschlusses, diese Umbildung durch den Geist Gottes an sich vollziehen zu lassen,
und eines vertrauensvollen, geduldigen Stillehaltens, wenn der Arzt der Seelen
nun tief einschneiden muß in das widerstrebende Fleich, ehe dessen fest in ihm
sitzender Widerstand gebrochen zu werden vermag. Kommt es zu einer gründlichen
Überwindung, dann ist der Weg von der christlichen Weltanschauung zu dem in
Wahrheit praktischen Christentum zurückgelegt. Die Vollkommenheit freilich ist
damit noch nicht erlangt. Aber der Boden ist gewonnen, auf dem eine tägliche
Erneuerung des innerlichen Menschen stattfinden kann, die allein es zu verhüten
vermag, daß der Mensch wieder in die Wege und Gewohnheiten seines alten
Adam zurücksinke. P.
Nachbemerkung der Redaktion. Dem vorstehenden Hinweis auf
„das Freie Wort" habe ich gern eine Stelle gegeben und würde es mir eine
Freude sein, wenn er den Erfolg hätte, daß unter den Lesern des Ev. Schulblattes
wenigstens einige dem „Freien Wort" als Leser und Mitarbeiter gewonnen
würden.
Ich lese „das Freie Wort" auch seit einiger Zeit und habe von Pestalozzi
den Eindruck gewonnen, daß er zu den seltenen Menschen gehört, die es mit dem
Leben ernst nehmen, die sich nicht damit begnügen, nach dem Kodex irgend einer
Partei, und sei es die beste, sich in ihrem Urteil und Streben zu richten, sondern
die sich verpflichtet fühlen, sich über die Zeitereignisse und Zustände ein eigenes
Urteil zu bilden, und die vor allem bedenken, daß alle Arbeit an andern und
nach außen nur dann rechten Wert und Erfolg haben kann, wenn ihr die ernste
Arbeit an dem eigenen Sinn und Wesen vorauf und zur Seite geht, die dabei
groß von dem Menschen denken und sich bewußt sind, daß was wir auch mit eigner
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