III. Abteilung. Litterarischer Wegweiser.
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ersten Vorwort. Im Vorwort zur
sechsten Auflage sagt er: „Je mehr und
je eingehender man die geistige Natur
des sechs- bis achtjährigen Kindes be
obachtet, desto mehr überzeugt man sich,
daß die Ausdrucksweise, in der man zu
solchen Kindern redet, gar nicht einfach
genug, daß namentlich der Erzählstoff
gar nicht populär genug zurechtgelegt
sein könne." Ungleich bestimmter spricht
sich Wiedemann in seinem Buche „Der
Lehrer der Kleinen" auf S. 99 ff.
aus, daselbst heißt es: „Könnte ich
vorschreiben, was in der Elementarklasse
gelehrt und getrieben werden solle, die
biblische Geschichte käme nicht mit auf
den Lektionsplan, trotzdem, daß ich diesen
Unterricht nicht mit Unlust treibe. Und
warum? — Ich sehe jetzt noch ganz
davon ab, ob den Kleinen die heil.
Geschichte mit Bibel- oder Menschen
worten erzählt wird, behaupte aber, daß
den Kleinen jener Geschichtsstoff z u
fern, viel zu fern liegt." „In
der biblischen Geschichte, namentlich in
der des Alten Testaments, häufen sich
eine Menge Dinge, Begriffe, Bilder,
die gänzlich außerhalb des Gesichtskreises
unserer Kleinen, die kaum erst ein Jahr
mit einigem Bewußtsein in der Welt
stehen, liegen. Z. B. die Schöpfung!!!
die „Engelerscheinungen" (?), das
„Opfern", die „Weltüberschwemmung",
das „Nomadenleben", die „Sklaverei",
„Wüstenbilder", „Götzendienst", „Re
gierungssystem unter Patriarchen, Rich
tern, Priestern und Königen," die damalige
„Kriegführung", das „Prophetentum",
das Heidentum rc. . . . Ist es wohl pädago
gisch und psychologisch, Kindern Geschichten
zu erzählen (und, leider, mitunter „ein
trichtern" zu wolle»), bei denen man
alle Augenblicke erklären und erläu
tern muß?" . . . Anderer Natur sind
allerdings die meisten Erzählungen des
N. T., aber sie stehen wieder ihrem
Sinn, ihrer Bedeutung nach so, daß
sie eigentlich für Anfänger im Lernen,
für das Fassuugs- und Anschauungs-
Vermögen eines sechsjährigen Kindes auch
nicht passen."
Trotz des principiell ablehnenden
Standpunktes, welchen der Verfasser zur
biblischen Geschichte als Lehrgegenstand
in der ersten Schulzeit einnimmt, hat
er sein Buch geschrieben und somit ein
Zugeständnis an das Bestehende ge
macht; er hat in demselben die Bibel
sprache der einzelnen Erzählungen mit
einer Form vertauscht, wodurch das Ver
ständnis der einzelnen Begebenheiten den
Kleinen erleichtert wird. Wenn nun
auch hier und da Ausdrücke vorkommen,
die allzu profan erscheinen, so muß man,
wenn man nicht mit Voreingenommen
heit an die Prüfung geht, doch zuge
stehen , daß Wiedemann seine Aufgabe
im großen ganzen gelungen ist. Aller
dings wäre es nicht nötig gewesen, so
viele Erzählungen in die naiv-kindliche
Darstellungsform umzugießen. Denn
daran muß ganz entschieden festgehalten
werden, daß so bald als möglich im
Unterricht, wenigstens bei der Darbie
tung, zur Bibelsprache zurückgekehrt werde.
Die nach den einzelnen Abschnitten ein
geflochtenen Reflexionen und Betrach
tungen hätten besser wegbleiben sollen;
das sechsjährige Kind ist noch wenig
zum Reflektieren geneigt. Das Sper-
bersche Buch ist wesentlich anders. Zu
nächst unterscheidet es sich schon dadurch,
daß es die Bibelsprache auch für den
Anfangsunterricht beibehält. Die mit
Auswahl gegebenen Erzählungen stehen
allerdings in chronologischer Reihe im
Buche, doch ist Sperber der Meinung,
daß die biblischen Erzählungen nicht in
fortlaufender Folge, sondern in konzen
trischen Kreisen dargeboten werden sollen.
Diese Stofforduung halte ich für un
richtig; ich stimme Or. Staude bei,
welcher sagt: Die konzentrischen Kreise
sind der Tod für das Interesse. Um
dem Leser Gelegenheit zu einem Urteil
zu geben darüber, ob der von Sperber

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