III. Abteilung. Litterarischer Wegweiser.
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luten Werdeirs. Nach ihm ist die Phan
tasie das Grundprincip des Weltpro
zesses. — Fr. faßt die Phantasie in
dem weiteren Sinne als die bildende,
schöpferische geistig-sinnliche Macht, als
ein objektiv wirkendes, einheitlich schaf
fendes Princip. Aber, muß man un
willkürlich fragen, was ist eine Kraft
ohne Substanz, ein Princip ohne Träger
desselben? Das ist eine Ungereimtheit.
Fr. ist ein Gegner der Herbartschen
Psychologie und nimmt noch angeborne
Seelenvermögen an. Seine Ethik und
auch seine Pädagogik hält sich nicht frei
von Eudämonismus. — Auf S. 34
bis 46 beschreibt der Verfasser die Philo
sophie Eduard von Hartmann's, auf
S. 47 — 53 beschäftigt er sich damit
darzuthun, welchen Einfluß der von
Hartmann vertretene Pessimismus aus
die Erziehung habe. Nur einige Sätze
hieraus will ich anführen, sie dürften
dem Urteil des Lesers immerhin einen
Stützpunkt bieten. S. 48 heißt es:
„Das Unbewußte ist das teleologisch
wirkende Weltprincip, dem auch der
Mensch Dasein und Artung verdankt."
S. 37: „Aus der Zweckmäßigkeit der
Welt ergiebt sich die Allweisheit des
Unbewußten" (mau bedenke, ein unbe
wußtes, unpersönliches Etwas im Besitz
der höchsten Weisheit!) S. 50: „Jeder
Mensch bringt sogar den Hauptteil seines
Charakters mit zur Welt." — Aus den
folgenden Seiten von 53—67 wird so
dann die Philosophie Herbert Spencer's
zum Gegenstände der Besprechung ge
macht. Zuerst macht uns der Verfasser
mit Spencer's philosophischen Voraus
setzungen bekannt, dann mit den Grund
zügen seines ethischen Systems —
Spencer vertritt im Gegensatz zu Her
bart die relative Wertschätzung —, von
S. 57 ab mit den psychologischen Grund
anschauungen dieses Philosophen. Dar
nach leugnet Sp. die Selbständigkeit des
Geistigen, aber nicht in dem Sinne des
Materialismus, welcher Wesensgleichheit
von Geist und Materie lehrt, sonderu
nur in dem Sinne, daß Sp. eine durch
gängige Abhängigkeit der Entwicklung
des Geistes von der des Leibes, ins
besondere des Nervensystems, annimmt.
Das Gedächtnis ist nach Spencer eine
schwache Wiederholung früher stattgefuu-
dener Nervenreizungszustände. Das
Wollen erscheint durchwegs naturgemäß
determiniert durch den Organismus als
Grundlage des Ich. Spencer's Ethik
steht ebenso wie seine Pädagogik unter
derartigen Voraussetzungen. Alles Sitt
liche erscheint als ein durch die äußere
Erfahrung sich entwickelndes Anpassungs-
erzeugnis an die jeweiligen Lebensbedin
gungen der Gesellschaft. Das Nützliche
ist ihm das Gute, das Zweckwidrige
das Schlechte; er weiß nichts von ab
soluter Wertschätzung. In der Speu-
cerschen Pädagogik, über welche auf S.
61—66 gehandelt wird, findet sich eine
große Anzahl guter Gedanken und recht
gesunder Forderungen, die den Erziehern
und Lehrern immer aufs neue in Er
innerung gebracht werden müssen, den
noch muß dieser Pädagogik in wichtigen
Stücken entgegen getreten werden. So
ist z. B. der Spencersche Begriff der
Erziehung zu weit; das aufgestellte Er
ziehungsziel geht aus einer falschen ethi
schen Richtung hervor; die religiöse Seite
der Erziehung wird von Spencer fast
gänzlich verkannt und außer acht ge
lassen. Das Verdienst, dies ausführlich
nachgewiesen zu haben, gebührt Müller
in seiner Arbeit „Über die Erziehungs
lehre Spencer's" (Bündner Seminar
blätter 1884/1885. S. 29. 65). In
ähnlicher Weise wie die genannten Philo
sophen werden hieranf noch Paulsen,
Wilhelm Wundt und Dilthey besprochen.
Den Schluß bildet ein Abschnitt mit der
Überschrift „Rückblick und Ergebnisse."
Die darin vom Verfasser entwickelten
psychologischen Ansichten scheinen nicht
widerspruchsfrei zu sein; jedenfalls be
deuten sie der Herbartschen Psychologei

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