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I. Abteilung. Abhandlungen.
Das Volksschulwesen schwebt bei der gegenwärtigen Schulverfassung in der
Luft. Da, wie in Teil III gezeigt wurde, weder der Staat noch die politischen
oder kirchlichen Gemeinden die gesamten Schullasten tragen können oder wollen,
auch bei der öffentlichen Erziehung nicht in erster Linie interessiert sind, so fehlt
der Boden, auf den sich die Schule gründen könnte. Diese Grundlage ist bei
der neuen Schulverfassung bekanntlich die Schulgemeinde, d. h. die korporative
Verbindung von Familien desselben Bekenntnisses zur gemeinsamen Sorge für die
Bildung ihrer Kinder?) Sie wird von der kirchlichen Gemeinde ebenso um
schlossen wie diese von der bürgerlichen Gemeinde. Diese freie Schulgemeinde
würde der nächste und willigste Träger der Schullasten sein, weil sie sich aus den
Eltern der Schüler zusammensetzt, die an der Erziehung und Bildung ihrer
Kinder genau so viel Interesse haben als Kirche, Staat und bürgerliche Gemein
schaften zusammengenommen?) In der That genießen die Eltern zuerst den
Segen wohlerzogener, kenntnisreicher Kinder und tragen auch in erster Linie das
Herzeleid, wenn dieselben mißraten?) Sobald sie deshalb die segensreichen Früchte
einer echten Erziehungsschule kennen zu lernen anfangen, werden sie auch thun,
was in ihren Kräften steht, um die Leistungen der Schule in erziehlich-unterricht-
licher Hinsicht steigern zu helfen. Sie würden daher auch am willigsten sein, die
Kosten für die Schule wenigstens zum Teil zu tragen, etwa durch einen ein
maligen größeren Beitrag beim Eintritt in die Schulgemeinde, sodann durch fort
laufende Beiträge für dieselbe, die jedoch nicht bloß nach der Kinderzahl sondern
auch nach dem Besitz zu bemessen wären, und endlich durch freiwillige Gaben,
Vermächtnisse u. s. w. Da jedoch die Schule nicht nur den Eltern wohlerzogene
Kinder, sondern auch dem Staate patriotische Bürger, der Kirche lebendige Glieder
und den bürgerlichen Gemeinden geschickte, steißige Arbeiter heranbilden möchte,
so sind diese drei socialen Gemeinschaften am Gedeihen der Schule mit interessiert
und deshalb auch zu Beiträgen für sie heranzuziehen. Der Beitrag des Staates
müßte bei armen Gemeinden höher, bei reichen niedriger bemessen werden, würde
also hauptsächlich zum Ausgleich bestehender Unterschiede dienen?) Auch der
Fundamentstück. Hilchenbach 1892/93 als auf die drei wichtigsten Schulverfassungs
schriften Dörpfelds.
0 Dörpfeld, Freie Schulgemeinde, S. 131.
0 Freie Schulgemeinde S. 29 u. a. a. O.
s) Ebenda S. 6.
0 Die Schulerleichterungsgesetze von 1888 und 1889 setzen leider bestimmte Zu
schüsse des Staates fest, ohne Rücksicht auf die Vermögenslage der Gemeinden oder auf
die Größe ver Schullasten. Da nun manche Gemeinden lehr wenig zum Gehalte ihres
Lehrers beitragen und jene Gesetze ihnen nicht die Pflicht auferlegen, die empfangenen
Gelder im Interesse der Schule zu verwenden, so werden in zahlreichen Fällen Staats
mittel, die für Schulzwecke bestimmt sind, im Interesse der bürgerlichen Gemeinde ver
wendet. So empfängt die Gemeinde M. in der Gegend von Magdeburg für ihre Lehrer-

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