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I. Abteilung. Abhandlungen.
Frequenz- wie Besoldungsverhältnisse sind dementsprechend weit günstiger als in
andern Provinzen/) trotzdem die Industrie hier vielleicht mehr als anderswo
für Anhäufung von Menschenmassen sorgt. Besonders bemerkenswert ist dabei
das günstige Durchschnittsgehalt der Landlehrer, das in keinem andern Bezirke
erreicht wird. Und doch ist auch im Bergischen die freie Schulgemeinde noch
nicht vollständig oder durchaus zweckentsprechend organisiert/) und sie hat daher
ihre segensreiche Wirksamkeit bei weitem nicht in vollem Maße entsalten können,
umsoweniger, als sie durch die bureaukratische Schulverwaltung mehr Hemmung
als Förderung erfahren hat.
Leider verspricht die freie Schulgemeinde zwar eine sichere, keineswegs aber
baldige Heilung des krankenden Schulwesens. Dazu ist zunächst ihr Ziel ein zu
hohes. Sie will der Schule eine selbständige Organisation geben, sie als neue
sociale Gemeinschaft neben die kirchliche und bürgerliche Gemeinde stellen. Allein
wahrscheinlich werden die vorhandenen Gemeinschaften eine neue Macht so leicht
nicht neben sich aufkommen lassen wollen. Zudem entspricht die auf dem Grund
sätze der Selbstverwaltung sich auferbauende neue Schulverfassung keineswegs „dem
socialpolitischen Zuge der Zeit", denn dieser strebt dahin, die Macht des Staates
zu erhöhen und den Kreis seiner Fürsorge zu erweitern. Er will die schwachen
Schultern entlasten und ihre Last dem Staate aufbürden. Die neue Schul
organisation der freien Schulgemeinde dagegen will den Staat entlasten. Er soll
für die auf seinem Boden bestehenden idealen Mächte wie Kirche und Schule nur
der oberste Schirmherr sein. Im übrigen aber soll er sie soweit als möglich
nach eigenem Ermessen ihre Angelegenheiten regeln lassen. Dadurch wird er es
einerseits ermöglichen, daß er sich um so sorgfältiger seinen speziellen Aufgaben
widmen kann, nämlich Wohlstand und Ordnung im Innern und Friede nach
außen hin zu erhalten. Andrerseits legt ein bureaukratisches auf individuelle
Verhältnisse keine Rücksicht nehmendes Regiment zu viele Kräfte lahm, worüber
die Vertreter der Kirche bekanntlich ebenso sehr klagen als die der Schule. Leider
sind unsere Staatsmänner und Politiker noch weit entfernt davon, die Vorzüge
der Selbstverwaltung auf dem Schulgebiete genügend zu würdigen?) Dasselbe
*) Vergl. Heft 120 der Preuß. Statistik, Teil I, Anhang II, Seite 310—313 und
Tabelle A 2 ) Freie Schulgemeinde, S. 97.
3 ) Selbst Kultusminister Dr. Bosse meinte am 10. Jan. 1893, die Erhebung des
Schulgeldes entspräche nicht dem socialpolitischen Zuge der Zeit. Leider ist das richtig.
Aber sollten unsere Staatsmänner wirklich nicht einsehen, daß es zum Untergänge des
Staates führen muß, wenn man den Staatsbürgern Lasten abnimmt, anstatt ihre Kraft
zum Tragen derselben zu erhöhen? Werden doch durch Verminderung ihrer Lasten oder
durch direkte Gaben die besitzlosen Klassen nur immer begehrlicher gemacht. Würde
man dagegen ernstliche Anstalten machen, um den Mittelstand zu erhalten und der un
geheuren Zahl der Besitzlosen ein Aufsteigen in den Mittelstand zu erleichtern, so würde

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