Die Überfüllung der Schulklassen in Preußen rc. 215
gilt von der Mehrzahl der Lehrer. Auch im Lehrerstande ist die Idee der freien
Schulgemeinde noch viel zu wenig bekannt und ihrer Bedeutung nach geschätzt.
Das Haupthindernis für ihre baldige Verwirklichung aber ist der in Teil III
dargestellte Zustand unserer socialen Gemeinschaften. Die Familien bedürfen eines
festen unveräußerlichen Besitzes als der materiellen Grundlage ihrer Existenz,
woraus notwendig eine größere Seßhaftigkeit der Bevölkerung folgen würde.
Schulgemeinden, deren Familien es an einem solchen fehlte, würden weder die
nötige Leistungsfähigkeit noch die erforderliche Stabilität besitzen. Bestrebungen,
die beides herbeizuführen geeignet wären, wie Heimstättengesetz, Rentengüter, Ge
winnbeteiligung der Arbeiter u. s. w. fehlen zwar nicht, stehen aber noch in den
Anfängen und haben deshalb noch keine rechten Früchte tragen können. Ferner
brauchen die bürgerlichen Gemeinden nicht nur tüchtige, für ihren Beruf sorg
fältig vorgebildete Leiter, sondern auch bestimmte Einnahmequellen l ) und vor
allem einen gemeinsamen Besitz. Eine politische Gemeinde, der es an diesen drei
Stücken mangelt, kann der Schulgemeinde nur geringe Stütze bieten. Endlich
muß reges kirchliches Leben vorhanden sein, das die Herzen zur Opferwilligkeit
für ideale Ziele zu stimmen weiß. Für die freie Schulgemeinde und ihre An
stalten wird überall da wenig zu hoffen sein, wo in den kirchlichen Gemeinden
Gleichgültigkeit und modernes Heidentum herrscht.
Ferner hat die Verwirklichung der freien Schulgemeinde, wie bereits hervor
gehoben worden ist, eine den Forderungen der pädagogischen Wissenschaft und
Kunst entsprechende Ausbildung der Lehrer zur notwendigen Voraussetzung. So
bald man anfangen wird, der Pädagogik den Rang einer angewandten Wissen
schaft zuzuerkennen, wird man in der Forderung, daß jeder Lehrer, auch der
Landlehrer eine solche Bildung erhalten müsse, gewiß nichts Übertriebenes mehr
finden. Fordert man doch von Stadt- und Landgeistlichen die gleiche theologische
Bildung. Warum sollte es beim Lehrer anders fein ? 2 ) Natürlich wird dieses
höchste Ziel der Lehrerbildung nur ganz allmählich erreicht werden können. Der
nächste Schritt zu ihm hin wäre die Reform der Seminarbildung nach den von
Rein, Dörpfeld und Horn gemachten Vorschlägen, die der Hauptsache nach auf
eine reinliche Scheidung der allgemeinen Bildung von der speciellen Berufsbildung
hinauslaufen. Jene soll in einem, vier Jahreskurse (14—18 Jahr) umfassenden
nicht, wie gegenwärtig, alles nach Staatshülfe schreien und mit Unterstützung der Revo
lutionsparteien drohen, wenn diese Hülfe ausbliebe.
st Die in jüngster Zeit erfolgte Überweisung der Realsteuern an die Gemeinden ist
deshalb ein Umstand, der von den Freunden der freien Schulgemeinde nur freudig be
grüßt werden kann.
st Übrigens brauchten darum die unterrichtlichen Ziele der Landschulen nicht höher
gesteckt zu werden. Jene Bildung ist notwendig um des Erziehungszieles willen, damit
„im kleinsten Punkt die größte Kraft" gesammelt werde.

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