Die Überfüllung der Schulklassen in Preußen rc.
217
Bildung gäbe. Unsere jetzigen Volksschulseminare würden alsdann zur Universität
eine ähnliche Stellung einzunehmen haben, wie sie die Gymnasien bereits innehaben
und die Realschulen anstreben. Ihr Unterricht wäre nur der allgemeinen Bildung
gewidmet und reichte vom 14.-20. Jahre. Von Gymnasien und Realschulen
unterschieden sie sich besonders in zwei Punkten, erstens dadurch, daß sie Schüler
aus Volksschulen aufnähmen, und zweitens dadurch, daß ihr Ziel in fremden
Sprachen ein weit niedrigeres wäre. Es dürfte also mit Rücksicht darauf, daß
Volksschullehrer in fremden Sprachen später nicht zu unterrichten haben würden,
nur soviel aus der Grammatik gelehrt werden, als zum Verständnis der fremden
Sprache unbedingt nötig sein würde. Wenig bemittelten Schülern wäre der
Unterricht nach wie vor unentgeltlich zu erteilen. Dem Besuche dieser Volksschul-
Seminare würde ein dreijähriges philosophisch-pädagogisches Studium folgen, wo
bei das letzte Jahr der praktischen Pädagogik und dem pädagogischen Universitäts
seminare gewidmet wäre. Diesem folgte zum Schluß ein Probejahr, in welchem
der Kandidat unentgeltlich unter Leitung eines tüchtigen Rektors oder Haupt
lehrers zu unterrichten hätte. Nun erst würde man sagen können, es sei alles
gethan, um den Lehrer für seinen hohen Beruf gehörig auszurüsten. Daß es
einem so vorgebildeten Lehrer natürlich leichter gelingen würde, Interesse für
die Schulen zu wecken, als dem heutigen Volksschullehrer, daß er von dem Gym
nasial- oder Realschullehrer als ebenbürtig müßte anerkannt werden, daß man
ihn getrost an die Spitze nicht nur eines Schulvorstandes sondern auch günstigen
falls an die Spitze des ganzen Schulwesens stellen könnte, bedarf keines beson
deren Beweises. Eine andre Frage aber ist, wie lange es wohl dauern möchte,
bis man die Lehrer so ausbildet, wie die Pädagogik verlangen muß. Noch
scheut man die Kosten, welche Einrichtungen wie die geforderten verursachen wür
den. Noch meint man, sich mit Gymnasial-Seminaren, mit Fachaufsicht im
Nebenamte und andern billigen Einrichtungen begnügen zu können. Aber der
Stein ist doch ins Rollen geraten und wird nicht eher zur Ruhe kommen, als
bis man der Pädagogik gewährt, was andre minder wichtige Wissenschaften längst
besitzen: Ausgiebige Pflege an den deutschen Hochschulen.
Was aber kann jetzt geschehen, um den dringendsten Notständen auf dem
Schulgebiete abzuhelfen? Eine Reihe von Vorschlägen müssen wir selbst ver
werfen, weil sie an sich zwar den Notständen wirksam entgegenarbeiten würden,
aber nicht die geringste Aussicht auf Verwirklichung haben. Dazu rechnen wir
zunächst die Aufhebung des Schulzwanges. So widersinnig es an sich ist, die
Kinder der niederen Volksklassen zum Schulbesuch zu zwingen, wenn man keine
Mittel aufwenden kann oder will, um durch Errichtung neuer Klassen und durch
Anstellung neuer Lehrer ihnen einen wahrhaft bildenden Unterricht zu teil wer
den zu lassen; so sehr wir überzeugt sind von der Gefährlichkeit jener Halb
bildung, die unsere Halbtagsschulen notgedrungen verbreiten müssen; so klar es

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.