Die Überfüllung der Schulklassen in Preußen re. 219
Zunächst muß es der Lehrerstand als seine wichtigste Aufgabe betrachten,
die Öffentlichkeit über die Übelstände des Schulwesens und deren schädliche Folgen
unausgesetzt aufzuklären, sei es durch Artikel in pädagogischen oder besser noch
in politischen Zeitungen, sei es durch Denkschriften, die den Abgeordneten aller
Parteien zu überreichen wären, sei es endlich durch öffentliche Vorträge. Die
Pflicht, in solchem Sinne zu wirken, haben besonders jene Lehrer, die in gün
stigen materiellen Verhältnissen leben und der Rede oder der Schrift in besonders
hohem Grade mächtig sind. Vor allen Dingen sollte man jenen kurzsichtigen
Schulreformatoren entgegentreten, welche die Schule durch neue Forderungen för
dern zu können meinen. So lange es der Schule infolge mangelhafter Pflege
an Kraft fehlt, ihren allernächsten Pflichten gegen die Jugend in genügendem
Maße nachzukommen, so lange müssen die Lehrer sich dagegen wehren, daß man
Schulsparkassen, Jugendspiele, Handfertigkeits- und Haushaltungsunterricht, Fort
bildungsschulen und andere Dinge obligatorisch einführt. Man mag sie
pflegen, wenn dem grundlegenden Erziehungsunterrichte sein Recht geworden ist
und sie überall da zurückstellen, wo dieser noch Not leidet. Dem pädagogischen
Dilettantismus aber, der sich für jene sonst ja ganz segensreichen Nebensachen er
wärmt, als hinge von jeder einzelnen Forderung das Gedeihen der Schule ab,
müssen wir es bei jeder Gelegenheit entgegenhalten, daß, ehe nicht für eine Ver
mehrung und bessere Ausbildung der Lehrkräfte gesorgt sei, ehe man die vorhan
denen nicht von übervollen Klassen befreit und durch Abnahme von unpädagogischen
Arbeiten entlastet habe, ehe man sie nicht in ausreichender Weise besolde, er auf
eine Erfüllung seiner Wünsche nicht hoffen könne, weil den Pädagogen das Hemde
näher liegen müsse als der Rock. Jede neue Belastung des über
lasteten Lehrer st andes ohne gleichzeitige Entlastung oder Kräf
tigung desselben könne nur zu weiterer Verflachung unseres
Volksschulunterrichtes führen. Ebenso verhält es sich mit den Projekten
gewisser Volksfreunde, die auf Vermehrung des Wohlstandes in den Gemeinden
hinzielen und wobei in erster Linie an die Lehrer gedacht wird. Obstbaumzucht,
Geflügelzucht, Bienenzucht u. dergl. zu fördern ist nicht Sache der Lehrer, son
dern der niederen Staats- und Gemeindebeamten, der Landräte, Amts- und Ge
meindevorsteher. Der Lehrer darf durch umfassende Förderung solcher Dinge
sich seiner pädagogischen Aufgabe nicht entfremden, und statt für glänzende
Leistungen in Baum- oder Bienenzucht sollte man ihn lieber für erfolgreiche
Schulzucht prämiieren. Die zahlreichen Forderungen jener Schuldilettanten und
Volksfreunde aber geben passende Gelegenheit, die Mängel unseres Schulwesens
zur Sprache zu bringen und aus Abhülfe zu dringen.
Das Gleiche muß den Schulbehörden gegenüber geschehen, wozu die amt
lichen Konferenzen einschließlich der Seminarkonferenzen treffliche Gelegenheit geben.
Hier sollte unablässig darauf hingewiesen werden, daß eine überfüllte Schule nichts

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.