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I. Abteilung. Abhandlungen.
von dem leisten könne, was man von der Volksschule verlange, daß sie die ent
gegengesetzte Wirkung habe als eine volle Kirche u. s. w. Auf alle die schäd
lichen Folgen einer solchen Schule, wie sie in Teil II dargelegt worden sind,
sollte man bei passender Gelegenheit nachdrücklich und mutvoll hinweisen, weil
leider viele niedere Schulaufsichtsbehörden von jenen Folgen nichts ahnen. Die
oberen Schulbehörden sind ja fast durchweg vom besten Willen beseelt, aber leider
sind ihnen durch das Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der
Schulräte'") die Hände gebunden. Doch würde von ihnen wie von den Kreis-
und Lokalschulinspektoren durch freundliche Überredung manches Gute gewirkt wer
den können, wenn man nur von der unheilvollen Wirkung der durch übervolle
Schulklassen hervorgerufenen Halbbildung allgemein durchdrungen wäre. Letzteres
herbeizuführen müßten sich die Lehrer angelegen sein lassen. Bei einiger An
strengung würde es sich wenigstens dahin bringen lassen, daß man Schulen, bei
denen die Klassenzahl größer ist als die Zahl der Lehrer, nicht mehr als nor
male Einrichtungen ansähe. Damit würde schon viel gewonnen sein, denn Ein
sehen eines Übels ist der erste Schritt zur Besserung. Aufklärend sollten die
Lehrer endlich einwirken auf die Knaben, welche sich dem Lehrerberufe widmen
wollen. Daß die grundsätzliche Beförderung des Lehrermangels ein sehr gefähr
liches Mittel ist, darauf haben wir schon hingewiesen. Aber das ist Pflicht des
Lehrers, jene Knaben über die traurigen Beaufsichtigungs-, Frequenz- und Be
soldungsverhältnisse nicht im unklaren zu lassen, damit sie sich später nicht ent
täuscht und unglücklich fühlen. Ist jedoch ein begabter und sittlich tüchtiger Knabe
trotz dieser Darlegungen nicht von seinem Entschlüsse abzubringen, so thue man
alles Mögliche, um ihn zu fördern und so einen neuen Kämpfer für die gerechten
Forderungen der Schule und des Lehrstandes heranzubilden. Wer aber aus
egoistischen Beweggründen Lehrer werden will, wird in der Regel durch Dar
legungen, wie wir sie in Teil I gebracht haben, abgeschreckt werden. Den eigenen
Kindern gegenüber sollte der Lehrer sich ängstlich hüten, jemals von seinem hei
ligen Berufe geringschätzig zu reden. Er sollte im Gegenteil seinen Kindern
vor allem dann Ehrfurcht vor dem Berufe eines Erziehungslehrers einzuflößen
suchen, wenn er hofft, sie einst in einen höheren Stand emporheben zu können.
Es würde sicher nicht so traurig um unsere niederen Volksschulen bestellt sein,
wenn all' die vielen Lehrerssöhne, die Geistliche, Ärzte, Justiz- oder Verwaltungs
beamte geworden sind, sich für die Schulen des armen Volkes ein warmes Herz
bewahrt hätten. Daß dem leider nicht immer so ist, das verschulden jene Miet
linge unter uns, die über der äußeren Armseligkeit des Lehrerberufes seine innere
Herrlichkeit vergessen haben.
Zweitens kann der Lehrerstand eine Reform unseres Schulwesens vorbereiten
helfen, wenn er an seinem Teile dazu beiträgt, daß die Pädagogik als Kunst
0 So hat man das Schulleistungsgesetz von 1887 spottweise genannt.

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