Die Überfüllung der Schulklassen in Preußen rc.
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und Wissenschaft öffentlich anerkannt werde. Das kann geschehen, wenn jeder
Lehrer anfängt, sein Denken und Handeln aus pädagogischem Gebiete mit dem
objektiven und strengen Maßstabe der Pädagogik zu messen; wenn er die herr
lichen Werke, welche die Erziehungswissenschaft auf allen Gebieten der pädago
gischen Theorie und Praxis hervorgebracht hat, zu studieren beginnt, und wenn
er in seiner Schule keinen Schritt thut. den er sich nicht in ethisch-psychologischer
Hinsicht zu motivieren vermag. Die Wissenschaft wird ihn einerseits frei machen
von der Willkür herrschsüchtiger Vorgesetzten, sie wird ihm andererseits auch
Freudigkeit und Trost verleihen, wenn man ihn verkennt oder zurücksetzt. Uni-
gang mit gleichgesinnten Kollegen wird ihn in diesem Streben sehr fördern. Ein
kleiner Kreis von arbeitsfreudigen Genossen leistet erfahrungsmäßig beim Studium
der Wissenschaft mehr als ein großer Verein. Immerhin dürfte es sich auch
empfehlen, jenen Vereinen, die sich neben pädagogischem Studium noch mit Fragen
des Schulwesens befassen, nicht den Rücken zu kehren, sondern sie zu möglichst
intensiver Arbeit anzuregen und sie durch Geltendmachung wissenschaftlicher Er
wägungen vor einseitigen Beschlüssen zu bewahren. Es muß unter allen Um
ständen dahin kommen, daß in den Lehrerversammluugen die Phrase mehr und
mehr durch sichere Thatsachen und logische Gründe verdrängt werde. Denn wir
wiederholen es: Nur dann wird es mit den Schulen besser werden, wenn man
die Pädagogik als Kunst und Wissenschaft allgemein anerkennt. Diese An
erkennung aber kann ihr nur durch die Lehrer selbst errungen werden.
Drittens kann schon jetzt vieles geschehen, eine Verbesserung der Schulver
fassung im Sinne Dörpfelds anzubahnen. Den Freunden der freien Schul
gemeinde fällt hier eine doppelte Aufgabe zu. Einmal gilt es in Vereinen und
Versammlungen die Lehrer selbst zum Studium der Hauptschriften Dörpfelds
über die Schulverfassung anzuregen; denn leider haben dieselben auch in Lehrer
kreisen nicht die ihrer Wichtigkeit entsprechende Verbreitung gefunden. Sodann
muß sich der Lehrer an dem Orte, wo er wirkt, aus den Eltern seiner Schüler
eine Art von Schulgemeinde zu bilden suchen, etwa auf folgende Weise. Er
suche sich zunächst durch treue Arbeit in der Schule und durch christliche Liebes
thätigkeit in der Gemeinde jenen Einfluß zu verschaffen, den demütiges Dienen
ungesucht verleiht. Dann suche er durch fleißige Hausbesuche die Glieder seiner
Schulgemeinde kennen zu lernen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Nun sind
Elternabende zu veranstalten, wo zuerst über Fragen der Zucht und des Unter
richts, sodann auch über andere das Volkswohl betreffende Fragen Vorträge ge
halten werden, an die sich Besprechungen anschließen. Schulfeste und gemein
same Ausflüge bieten später passende Gelegenheit, die ganze Schulgemeinde zu
vereinigen. Nach und nach wird die Zeit kommen, wo der Lehrer die Eltern
auch äußerlich zu einem festen Verbände zusammenschließen kann, etwa durch
Gründung eines Vereins, der unter möglichst harmlosem Namen wie Leseverein,

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