Gustav Nieritz, ein Liebling der Jugend.
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stellers. Es scheint daher zeitgemäß, aus diesem festlichen Anlasse in Kürze des
Lebens und Schaffens von Gustav Nieritz zu gedenken.
Wer war G. N. ? Er war ein Lehrer. Schon seine Wiege stand in
einem Lehrerhause, da sein Vater an einer der beiden städtischen Armenschulen der
sächsischen Hauptstadt angestellt war. Vater und Mutter teilten sich redlich in
die schwere Aufgabe, weit über hundert Kinder mit Leibes- und Geistesnahrung
zu versorgen. Dabei war des Vaters Einkommen sehr klein. Denn was bedeuten
200 Thaler Gehalt in großstädtischen Verhältnissen! Davon mußte noch die
Wohnung bezahlt und der unbedingt notwendige Hilfslehrer besoldet werden. In
solch kärglichen Verhältnissen wurde unser Gustav als zweiter Sohn am 2. Juli
1795 geboren. Unter der verständigen Fürsorge der Mutter kräftigte sich sein
anfänglich schwacher Körper, während in des Vaters „Armenschule" der Geist des
geweckten Knaben schnell heranreifte, sodaß er bereits in seinem dreizehnten Jahre
in die „Kreuzschule," damals das einzige Gymnasium Dresdens, eintreten konnte.
Latein und Französisch lernte er fast spielend und schon sollte er nach dem Plane
seiner Lehrer auch in die Geheimnisse des Griechischen eingeweiht werden. Aber
Vater Nieritz hatte seinen Sohn nicht zum Gelehrte», sondern zum Schulmeister
bestimmt. Der ständige Wechsel unter den jungen Hilfslehrern einerseits, sowie
seine zunehmende Schwerhörigkeit andrerseits hatten in dem Vater den Wunsch
gereift, in seinem Sohne eine zuverlässige Stütze zu erhalten. Zu Ostern 1811
verließ Gustav darum nicht ohne Trauer die Kreuzschule und trat in das Se
minar in der Friedrichstadt ein. Die dort herrschenden Zustände spotten jeder
Beschreibung. Man schüttelt den Kopf, wenn man Nieritz in seiner „Selbst
biographie" erzählen hört, daß die älteren Seminaristen in der ersten Morgen
stunde nur halbangekleidet erschienen und erst unter den Augen des Direktors ihre
Toilette vervollständigten; daß es Seminaristen gab, welche 6—8 Jahre Zöglinge
blieben, weil sie sich nicht entschließen konnten, den sich reichlich bietenden Privat
unterricht gegen eine gering besoldete Landlehrerstelle zu vertauschen. — Bereits
als Seminarist erteilte „Musjö Gustav," wie ihn die Armenschüler nannten,
täglich eine Stunde Unterricht in der Schule seines Vaters. Die immer bren
nender werdende Hilfslehrernot, welche bereits die Mutter in das Schnljoch ge
trieben hatte, bewog ihn, schon im Herbste 1814 seine Abgangsprüfung abzulegen.
Nach deren glänzender Absolvierung löste er seine Mutter in den Hilfslehrer-
diensten an der Armenschule ab, wofür ihm der Vater neben „freier Station"
monatlich vier Thaler zahlte. Wie gering auch dieses Einkommen war, so konnte
er sich doch nicht entschließen, bessere Stellen, welche sich boten, anzunehmen.
Wußte er doch, daß mit seinem Weggange des schwerhörigen Vaters Amtsenthebung
besiegelt war. Um seine Finanzen dennoch zu verbessern, war er unermüdlich
thätig. Er erteilte Privatunterricht, schrieb Noten ab, malte rc. Diese auf
reibende Thätigkeit verwandelte aber den lebensfrohen Jüngling allgemach in einen
schwermütigen Hypochonder. Aus diesem gefährlichen Zustande befreite ihn ein
gewagter Schritt: seine Verheiratung mit Eleonore Köuitzer, einer Beamtentochter.
Gewagt war diese Verbindung insofern, als das Einkommen des 28jährigen Hilfs
lehrers Nieritz erst 150 Thaler betrug und seine junge Frau ihm außer einer
großen Zahl hausmütterlicher Tugenden kein Vermögen in die Ehe brachte. Den
noch war diese Heirat für Nieritz ein Segen. Ohne seine Frau hätte er die
gar bald folgenden Prüfungsjahre nicht überstanden. Im Jahre 1828 starb
nämlich sein Vater und hinterließ seinen vier Kindern die schöne Summe von

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