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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
8000 Thalern, ehrlich und sauer erspartes Vermögen. Leider vererbte sich die
nun freie Oberlehrerstelle nicht auch ohne weiteres auf seinen Sohn. Kirche und
Schule standen in Dresden zu jener Zeit unter dem reaktionären Einflüsse zweier
hyper-orthodopen Männer, des Pastors Stephan und des Ministers von Einsiedel.
Da es der geraden Natur unseres Nieritz widerstrebte, sich zu solcher Richtung
zu bekennen, so mußte er die schmachvollsten Demütigungen von dieser Seite her
erleben, bis er nach langem Harren einen neuen Oberlehrer erhielt. Das Un
erhörteste lag darin, daß er nach 14jährigem, mit bestem Erfolge gekrönten Wirken
an dieser Schule einem neun Jahre jüngeren Kollegen unterstellt wurde! Ein
Unglück kommt aber selten allein. Zu dieser schimpflichen Zurücksetzung, welche
zudem die Hoffnung auf eine Gehaltserhöhung auf unabsehbare Zeit hinausschob,
gesellt sich die bittere Not, welche der harte Winter von 1829 zu 1830 im Ge
folge führte. Aber die Not ist eine schöpferische Macht. Sie bewirkte auch, daß
Nieritz die ihm angeborene Scheu vor dem öffentlichen Auftreten überwand und
ein Talent in sich zum Durchbruche kommen ließ, das seit der frühesten Kindheit in
ihm schlummerte: „Die Lust, zu fabulieren."
Den ersten Anstoß hierzu hatte ein Pflegesohn seiner Eltern gegeben. Dieser
besaß ein ausgezeichnetes Talent zum Erzählen. Dadurch angeregt, entwickelte sich
in dem Knaben eine starke Lesesucht, wobei er ohne Wahl verschlang, was ihm
unter die Hand kam. Das Romanlesen reizte seine Phantasie in solchem Grade,
daß er gar bald imstande war, „schon aus den ersten Blättern eines Romans
den ganzen weiteren Verlauf der Geschichte und deren verwickelte Fäden zu er
raten." Durch das viele Lesen erlernte er aber, nach seinem eigenen Geständnisse,
die Rechtschreibung und einen leichten Stil, letzteren besonders durch die anziehende
Lektüre von Zschokkes „Erheiterungen." Die Schriften des Philanthropen Salz
mann sprachen ihn besonders dadurch an, daß ihr Verfasser in hohem Grade die
Kunst besaß, „den Nagel auf den Kopf zu treffen" und in sokratischer Weise die
Jugend von der Wahrheit seiner Lehren zu überzeugen. Zschokke und Salzmann
wurden unbewußt seine schriftstellerischen Vorbilder, jener in der Glätte des Stils,
dieser durch die Klarheit seiner Darstellung.
Umtost von dem munteren Treiben seiner Kinder vollendete Nieritz in jenem
denkwürdigen Winter seine erste Erzählung: „Das Pomeranzenbäumchen." Den
Stoff zu diesem, 26 Bogen umfassenden Manuskripte, bot ihm die bevorstehende
Jubelfeier der Augsburger Konfession. Schon beim zweiten Versuche fand er
einen Verleger, wenngleich die Höhe des Honorars — es betrug 12 Thaler! —
ihn wenig zu weiterem Schaffen ermutigte. Allein die Anerkennung, welche diese
anonym gedruckte Erzählung fand, sowie das süße Gefühl „sich gedruckt zu sehen,"
drückte ihm gar bald die Feder zu einer zweiten Erzählung in die Hand. Die
selbe führte den Titel: „Der goldene Knopf" und wurde von dem Herausgeber
des „Gesellschafter," Professor Gubitz in Berlin verlegt und mit 20 Thalern hono
riert. Auf vieles Bitten legte Gubitz bei späteren Erzählungen weitere 5 Thaler zu,
erklärte aber „keinen Pfennig mehr" geben zu können. Die ersten Schöpfungen
der Nieritzschen Muse waren Volksschriften. Professor Gubitz erkannte aber des
jungen Schriftstellers eigenste Begabung und ermunterte ihn, in der Weise Chri
stophs von Schund für die Jugend zu schreiben. Nur mit Zagen ging
Nieritz ans Werk; ihn schreckte die schon damals nicht mehr unbedeutende Zahl
von Jugendschristen. Er bearbeitete das Märchen von der „Schwanenjungfrau,"
darin den Gegensatz zwischen Christentum und Heidentum veranschaulichend. Nach

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