Gustav Nieritz, ein Liebling der Jugend.
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dem neuesten Kataloge der Verlagsbuchhandlung (jetzt Bertelsmann in Gütersloh)
liegt diese Erstlingsarbeit bereits in zwölfter Auflage vor, das beste Zeichen dafür,
daß Gubitzens Scharfblick das Rechte getroffen hatte. — Nun mar der Bann ge
brochen. Von jetzt ab entwickelte Nieritz eine staunenswerte Schaffenskraft. Er
selbst erzählt: „Um eine Erzählung schreiben zu können, bedarf es bei mir nur
einer kleinen Anregung von außen, namentlich einer Nachricht oder Begebenheit,
die mich rührt. Dieselbe bildet dann den Endpunkt oder das Schlußziel meiner
Erzählung, von welcher ich mir nie zuvor einen Plan entwerfe. Mein Ziel im
Auge behaltend, schafft meine rege Phantasie die dazu erforderlichen Charaktere
und Handlungen, während ich die Feder bewege." Trotz der Leichtigkeit seines
Schaffens tragen seine Erzählungen keineswegs den Stempel der Flüchtigkeit. An
Motiven litt er nicht Mangel. Nicht selten rankt sich eine frei erfundene Hand
lung um einen geschichtlichen Kern. Da er sich dabei selten von der geschichtlichen
Wahrheit entfernt, da auch die Schilderung des geographischen Hintergrundes an
ziehend und wahr ist, so bieten sehr viele Nieritzsche Jugendschriften eine fesselnde
Ergänzung des Realunterrichtes. Mit gleicher Virtuosität schildert und beherrscht
er Gegenwart wie Vergangenheit, Heimat wie Fremde. Im ganzen hat Nieritz
nicht weniger als 158 Erzählungen für die Jugend und 122 für Erwachsene
geschrieben. Letztere erschienen zumeist in dem von ihm jahrelang redigierten Volks
kalender (Leipzig bei G. Wigand). Daß bei dieser Fruchtbarkeit nicht jede Erzählung
ein Meisterwerk ist, wird kein Billigdenkender erwarten. „Läßt doch unser Herrgott
ebenfalls nicht alle Jahre eine gleich reichgesegnete Ernte an Getreide, Wein und
Obst erwachsen" (N.). Der Zahl der Auflagen nach stehen aber obenan: „Alexander
Menzikoff" (18. Aust.), in welcher die Gefahren des Reichtums geschildert werden;
„Betty und Toms" (15. Aust.), in welcher die Entdeckung der Kuhpockeuimpfung
den fesselnden Mittelpunkt bildet; dann folgen: „Die Auswanderer," „Der kleine
Bergmann," „Der junge Trommelschläger" (14. Aust.), u. a. womit nicht ge
sagt sein soll, daß die weniger oft aufgelegten Erzählungen minderwertig seien.
Das ist durchaus nicht der Fall. Nieritz klagt selbst, daß manche seiner tiefst-
empfundenen Schriften nicht den verdienten Beifall gefunden habe. Jung und
alt erwartete seinerzeit „den neuesten Nieritz" mit Spannung und auch weit über
die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus fanden die Nieritzschcn Erzählungen
warme Verehrer, wovon Übersetzungen in die meisten europäischen Sprachen
Zeugnis ablegen. (Nach der „Selbstbiographie" wurden Jugendschriften von
Nieritz ins Französische, Englische, Russische, Italienische, Polnische, Holländische,
ja sogar ins Böhmische übersetzt, letzteres auf Veranlassung des Erzherzogs
Stephan.) Wie Nieritz selbst in Köuigschlössern empfängliche Kinder-
herzen entzückte, dafür spricht der folgende Brief, der den Empfänger nicht weniger
erfreut hat, als er den hohen Schreiberinnen selbst zur Ehre gereicht.
Hannover, den 5. Januar 1860.
Lieber Herr Nieritz! Wir wollen Ihnen unsern besten Dank aussprechen
für die vielen angenehmen Stunden, welche Sie uns durch Ihre schönen Bücher
bereitet haben. Als wir zufällig vorigen Winter beide zu gleicher Zeit unwohl
waren, wurde uns der „Findling" vorgelesen und wir freuten uns darüber so
sehr, daß Mama uns zu Weihnachten Ihre sämtlichen Erzählungen zum Geschenk
machte. Diese haben wir nun sehr fleißig gelesen; am schönsten von allen sind
aber: „Georg Neumark und die Gambe," „Der kleine Trommelschläger" und
„Betty und Toms." Wir wünschen, der liebe Gott möge Sie noch viele Jahre
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