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I. Abteilung. Abhandlungen.
ziehungswesens sein. Der Anteil eines jeden derselben ist bestimmt durch den ihm
eigentümlichen Anteil an Wahrung und Vermehrung des Kulturgutes. Zu diesen
socialen Verbänden gehört aber die Familie nicht, da sie als Inhaberin eines ihr
eigentümlichen Kulturgutes nicht betrachtet werden kann. Sie ist vielmehr Er
ziehungsanstalt, deren Aufgabe im socialen Leben im ganzen derjenigen der Schule
gleicht, nämlich darin besteht, dem heranwachsenden Geschlechte die Grundlagen der
socialen Bildung zu vermitteln. Der Inhalt dieser Bildung ist nichts ihr Eigen
tümliches; es ist das Kulturgut der gesellschaftlichen Sphäre, des Volkstums, der
religiösen Gemeinschaft rc., der sie eingegliedert ist?) Die Familie übt nicht, wie
jene Gemeinschaften, bestimmenden Einfluß auf die Erziehung aus. Sie ist im
Erziehungswesen nicht Herrin, sondern Dienerin, gleich der Schule. Ich halte es
darum auch für verkehrt, ihr irgend einen bestimmenden Einfluß auf diese letztere
einzuräumen. Sie ist ihrem Begriffe nach der Schule nicht über- sondern neben
geordnet. Allerdings folgt hieraus auch, daß Einigkeit zwischen beiden Institu
tionen nicht bloß wünschenswert sondern notwendig ist.
Daß ich nun trotz meines Einleitungssatzes nur einen der für das Er-
ziehungswesen maßgebenden Verbände, dem Staate nämlich, die Leitung des Schul
wesens anvertraue, das ist nicht, wie es Herr D. auffaßt (S. 333), ein „Taschen
spielerkunststück," sondern lediglich das Resultat einer äußerst einfachen Erwägung.
Ist nämlich der Staat die ausgleichende Macht im socialen Kampfe, so muß er,
schließe ich, diese Macht vorzugsweise auf dem Gebiete zur Geltung bringen, auf
dem die Konkurrenz der verschiedenen socialen Gruppen ganz besonders zutage
tritt: auf dem der Jugendbildung. Auch Dörpfeld gelangt ja schließlich dazu
(z. B. Fundamentstück S. 66), dem Staate die „leitende Oberaufsicht" über das
Erziehungswesen zu übertragen.
Daß die Staatsschule unabwendbar zum Bureaukratismus führe, kann ich
nicht zugeben. Dieser ist vielmehr ein Mißbrauch, in den jede Regierung ver
fallen kann. Das Schulregiment wird ihm umsomehr entzogen sein, je weniger
es centralistischen Neigungen huldigt. Auch diese brauchen mit dem staatlichen
Schulregiment nicht unbedingt verbunden zu sein. Vielmehr ist, meine ich, na
mentlich bei uns in Deutschland, wo das Princip der Selbstverwaltung wohl auf
allen geeigneten Gebieten des staatlichen Verwaltungswesens zur Durchführung
gelangt ist, kaum zu befürchten, daß betreffs der lokalen Schulverwaltung andere
Wege eingeschlagen werden möchten. Damit ist aber meines Erachtens Sicherheit
genug dafür gegeben, daß Uniformität und Schablonentum vom Schulwesen so
weit fernbleiben, als das überhaupt möglich ist. Daß an der örtlichen Schul-
0 In diesem Sinne bezeichnete ich in meinem Aufsatze die Eltern als „Beauftragte
der Gesellschaft", ähnlich wie Schleiermacher die Erzieher „Agenten der Gesamtheit"
nennt. Herr D. versucht (S. 326) durch einen lahmen Witz diese Selbstverständlichkeit
lächerlich zu machen.

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