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I. Abteilung. Abhandlungen.
Fundamentstücks erschienen waren, nicht zureichend wäre, würde damit die Institu
tion der Schulgemeinde hinfällig werden? Durchaus nicht, denn in diesem Falle
würde die Familie immer noch im Blick auf die allseitige Ausbildung des Kindes
um seiner Persönlichkeit willen ein pflichtmäßiges Interesse au der Erziehung haben
und demgemäß auch Erziehungsrechte beanspruchen können, was Dörpfeld auf
Seite 64 des Fundamentstücks unter der Überschrift Familienrecht ausführt. Da
mit, daß diese Anschauung als Individualismus bezeichnet wird, ist sie noch nicht
widerlegt. Nach Dörpfeld sind eben beide Anschauungen berechtigt. Wie Jndi-
vidualethik und Socialethik die ganze Ethik ausmachen, so ergeben auch Jndividual-
pädagogik und Socialpädagogik erst den vollen Begriff der Erziehung. Jedes
Princip [für sich genommen führt zu Einseitigkeiten und Übertreibungen. Aus
dieser Auffassung erklärt es sich auch, daß Dörpfeld einerseits die Familie mit
der bürgerlichen Gemeinde, der Kirche und dem Staate in eine Reihe stellt, andrer
seits aber auch die Familie als den Vollinteressenten, die übrigen Gemeinschaften
als Teilinteressenten bezeichnet. Auch Herr R. sieht beide Anschauungen als be
rechtigt an, wenn er aus Seite 94 seiner Kritik schreibt, daß der Begriff der
Bildung nicht erschöpft ist, wenn man sie als Bildung zur Persönlichkeit auffasse,
er weist aber die Erziehung im Sinne der Jndividualpädagogik der Familie, die
Erziehung im Sinne der Socialpädagogik der Schule zu, jedoch mit der Ein
schränkung, daß die Familie vorwiegend, nicht ausschließlich der individuellen Er
ziehung dienen soll. Meines Erachtens läßt sich diese Scheidung nicht aufrecht
halten, da jede Vererbung von Kulturgütern, deren Träger die socialen Gemein
schaften sind, auch einen Beitrag zur Ausbildung der Persönlichkeit liefert, und
umgekehrt jede Hebung und Förderung der geistigen Thätigkeit eines Menschen
auch den socialen Gemeinschaften zu gute kommt.
Für die Entscheidung der Frage nach der Richtigkeit des Schulgemeinde
gedankens ist es jedoch belanglos, ob Dörpfelds Begründung auf Individualismus
oder Socialismus zurückgeführt werden kann. Wer seine Vorschläge bekämpfen
will, der mag die von ihm angeführten Gründe widerlegen. So lange dies nicht
geschehen ist, halten wir die Schulgemeinde für das Fundamentstück einer gerechten,
gesunden, freien und friedlichen Schulverfassung.
Zu 19. Dörpfeld gründet allerdings, wie Herr R. richtig bemerkt, die
Idee der Schulgemeinde auf das Anrecht der Familie an der Schulverwaltung
und weist nach, daß diese Einrichtung auch den übrigen ethisch-pädagogischen An
forderungen vollkommen gerecht wird. Mit einer bloßen Anwendung der maß
gebenden Grundsätze aus die Schulgemeindeorganisation hat sich aber Dörpfeld
nicht begnügt, sondern er hat auch den Nachweis erbracht, daß das Staats- und
Kommunalprincip den Forderungen, die sich aus jenen Grundsätzen ergeben, nicht
entspricht. So kommt er in der Abhandlung über Gewissensfreiheit zu dem
Schluffe: „Bei der Kommunalschulgemeinde ist die sicherste Schutzwehr der er-

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