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I. Abteilung. Abhandlungen.
Zu 20. Die Auffassung des Staates als Volksgemeinschaft beruht wohl
nur auf theoretischen Erwägungen, da in Wirklichkeit kein Staat diesem Begriffe
entsprechen dürfte. Man denke an die Schweiz, an Östreich, Großbritannien und
auch an Preußen, das neben deutschen auch jüdische, dänische und polnische Staats
bürger umfaßt. Wie ein Vergleich der ethnographischen mit den politischen Grenzen
erkennen läßt, würde eine Abgrenzung der Staaten nach Nationalitäten die größten
Umwälzungen des europäischen Staatensystems herbeiführen. Damit soll jedoch
der '^Nationalität nicht jede Bedeutung für das Staatsleben abgesprochen werden.
Ferner schreibt Dörpfeld nicht, wie Herr R. annimmt, das Interesse an der
religiösen und sittlichen Seite der Schulerziehung ausschließlich der Kirche zu. Auf
Seite 261 des Fundamentstücks sagt er in einer Anmerkung: „Das eigentümliche
Schulinteresse, welches jede der vier Gemeinschaften berufsgemäß zu bedenken hat
und darum auch rechtlich vertreten soll, darf nicht als ein solches Anliegen be
griffen werden, welches eben nur diese betreffende K orporatio n^) an
ginge. Jedes Teil-Interesse geht vielmehr die übrigen Gemeinschaften ebenfalls
an; nur haben diese dafür keinen besonderen Beruf und darum auch nicht das
rechte Auge. Die vier Zweig-Interessen stellen somit vereint das ganze, volle
Schulinteresse der gesamten Volksgemeinschaft dar, und so, nur so müssen
sie begriffen werden. Die Nation muß wünschen, daß sie alle unverkürzt zur
Geltung kommen. Damit dies nun wirklich geschehe, damit kein Zweig-Anliegen
vergessen oder zurückgesetzt werde, darum muß jedes Teil-Jntereffe von derjenigen
Korporation vertreten werden, welche dafür den besonderen Beruf und somit den
helleren Blick hat ... . Die vierfältige Vertretung ist nur äußerlich etwas
Geteiltes, um bestimmter Zwecke willen; begrifflich bildet sie die Vertretung
des Gesamt-Schulinteresses, d. i. des Schulinteresses des ganzen Volkes."
Zu 21. Was ich zu diesem Punkte zu sagen habe, findet sich auf Seite
326—335 des Ev. Schulblattes Nr. 8, worauf ich, um Wiederholungen zu
vermeiden, hinweisen möchte, zum Teil ist es auch in den vorausgehenden Ab
schnitten berührt worden. Hier möge nur soviel bemerkt werden: Dörpfeld steht
nicht auf dem Boden einer atomistischen Gesellschastslehre, die den Staat als einen
Haufen von Individuen betrachtet, sondern nach seiner Auffassung ist der Staat
ein System von mancherlei Gemeinschaften, die alle durch ein und dieselbe Macht
geschützt werden. Auch ist ihm der Staat nicht der alleinige Inhaber und Träger
der Kultur. Es giebt nämlich eine ganze Reihe von Gütern, die der Staat
nicht erzeugt hat, sondern die in andern Lebensweisen entstanden sind. Dahin
gehört, was ein Volk an Religion, Gesittung, Sprache, Litteratur, Kunst, Wissen
schaft, industriellen und technischen Fertigkeiten besitzt. Die Familie ist zwar nicht
Inhaberin eines ihr eigentümlichen Kulturerbes, sie hat aber an der Erzeugung,
0 Die hervorgehobenen Stellen sind auch im Fundamentstück gesperrt gedruckt.

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