Das Leben Jesu als Lehrstoff.
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Punkt des Religionsunterrichts zu stellen, ist ja keineswegs neu; u. a. haben, wie
Bang selbst auch anführt, Vilmar und Dörpfeld schon längst darauf hingewiesen;
Thrändorf hat ihr 1890 eine größere Arbeit Das Leben Jesu und der
II. Artikel gewidmet, Schreiber dieses hat sie 1889 und 1892 in Bezug auf
den Katechismusunterricht zu begründen gesucht. Aber schon dafür, daß Bang
diese Frage wieder neu in Fluß gebracht hat, verdient er Dank. In unserer
schnell lebenden, vergeßlichen Zeit kann man ja nur froh sein, wenn ein guter
Gedanke, nachdem er einen Kreis eine Zeitlang beschäftigt und bewegt hat und
dann ad acta gelegt ist, anderswo wieder als ein neuer auftaucht und vielleicht
mit mehr Geschick und rührigerer Trommelführung an den Mann gebracht wird.
Und jeder Autor stattet ja einen Gedanken mit um so zärtlicherer Sorgfalt aus
und weiß ihn um so wirkungsvoller zu insceuiereu, je mehr er des erhebenden
Bewußtseins lebt, mit einer ureigensten Originalidee die Welt zu beglücken. Daher
wollen wir den kleinlichen Streit um die Priorität dieses Reformvorschlages, den
Bang mit seinen Kritikern auskämpft, auf sich beruhen lassen — er beruft sich
gegenüber den ihm gemachten Vorhaltungen, daß er die Arbeit seiner Vorgänger
nicht anerkenne, darauf, daß er selbst schon 1884 einen Lehrplan mit dem Leben
Jesu im Mittelpunkt veröffentlicht habe. ■—
Um Herrn Bang im Zusammenhange zu Worte kommen zu lassen und seinen
Gedanken möglichst gerecht zu werden, setzen wir die von ihm selbst gegebene Zu
sammenfassung seines Vortrages hierher.
Die Erfolge des Religions-Unterrichts sind — soweit es sich um das sittlich-religiöse
Leben handelt — ungenügend. Dieses Ergebnis ist in Mängeln des Lehrplans und der
Methode begründet. Abhilfe kann und muß geschafft werden: Durch bessere Einsicht in
das Wesen der Religion, in das Werden des religiösen Lebens (Charakters), in den
Wert der augemessenen religiösen Bildungsstoffe und in das historisch und psychologisch
als naturgemäß erwiesene und darum erfolgessichere Lehrverfahren, angewandt durch
eine beruflich und sittlich-religiös auf der Höhe ihrer Aufgabe stehende Lehrperson.
Die Religion ist ihrem Wesen nach nicht eine theoretische Thätigkeit des Geistes,
sondern eine praktische Bestimmtheit des Gemütes und des Willens. Sittlich-religiöse
Charakterbildung ist das Ziel der religiösen Unterweisung (Erziehung): die Aneignung
religiösen Wissens ist nur Mittel zum Zwecke.
Gemäß dem Principe der Anschaulichkeit wird sittlich-religiöse Charakterbildung am
sichersten — oder ausschließlich!? — durch Anschauung sittlich-religiöser Persönlichkeiten
erzielt. Die höchste sittlich-religiöse Persönlichkeit ist Jesus Christus (nicht nur als
ethisch-menschliches Vorbild, sondern auch als religiös-göttlicher Kraftquell): in ihrer
Anschauung kann sich der sittlich-religiöse Charakter am leichtesten, sichersten und voll
kommensten entwickeln. — Die Anschauung der Person Christi, wie sie uns in den Evan
gelien entgegentritt, muß einheitlich, geschlossen, unmittelbar, in ungetrübter Ursprünglich
keit wirken: sie darf nicht durch Reflexionen nach ethisch-religiösen oder gar logisch
dogmatischen Kategorien gebrochen und beeinträchtigt werden. —
Diesen Erkenntnissätzen und Forderungen entspricht die gegenwärtige religiöse Unter
weisung nicht. Die Person Christi steht weder intensiv, noch extensiv — nach Lehr
methode und nach Lehrplan — gebührend im Vordergründe und im Mittelpunkte der

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