Das Leben Jesu als Lehrstoff.
261
die Religionskenntnis setzen" oder „Lehre" treiben, ist vermutlich eine mehr ge
fühlsmäßige Abstraktion aus zwei Beobachtungen, erstens daraus, daß wir Ge
schichte und Lehre oder biblische Geschichte und Katechismus in engste Beziehung
miteinander zu bringen suchen, zweitens daraus, daß Or. Thrändorf in seinem
,Leben Jesu* das Lehrhafte* Matthäusevangelium bevorzugt und zu Grunde legt.
WaS die erstere Thatsache anlangt, so werde ich, der ich durch meine Arbeiten
zum Katechismusunterricht besonders dabei beteiligt bin, mich mit Herrn Bang
in einem folgenden Aufsatz über die Katechismusfrage auseinandersetzen, sobald
seine lange angekündigte Schrift „Zur Reform des Katechismusunterrichts" er
schienen sein wird. Ich will hier diese weitschichtige Frage nicht mit der specifischen
Leben-Jesu-Jdee vermengen. Ich bemerke hier nur: steht es fest, daß uns die
göttliche Wahrheit nicht in zwei getrennten Formen, Geschichte und Lehre,
sondern nur in einem Ineinander beider in der heil. Schrift dargeboten ist, so
können wir niemals eine von dem eigentlichen Kern des Religionsunterrichts, dem
biblisch-geschichtlichen, losgerissene, innerlich unabhängige Christenlehre als richtig
anerkennen. Was sollte denn das Anschauen des Lebensbildes Christi, wenn nicht
dies, daß wir lernen, was Christentum ist uud wie wir Christen werden
mögen? Wir sollen da doch in der Betrachtung seines Lebens „von Gott ge
lehret werden" (Joh. 6, 45). Wie soll da von der Lehre abgesehen werden
können? Erkenntnis des angeschauten Bildes Christi wecken und ,die Haupt
sache des Religionsunterrichts in die Religionskenntnis setzen* sind zwei sehr
verschiedene Dinge!
Bezüglich der Bevorzugung des Matthäus kann man ja, wie wir unten
weiter sehen werden, verschiedener Meinung sein. Das Überwiegen des lehr
haften Momentes würde aber meines Erachtens an sich noch gar kein Grund
gegen die Wahl des ersten Evangeliums zur Grundlage des Leben-Jesu-Unterrichts
sein. Für reifere Schüler ist die „Lehre" Jesu mindestens ebenso wichtig wie die
Wundererzählungen. Zemmrich, einer der Kritiker Bangs, hat durchaus recht,
wenn er betont, daß zur Gesamtheit der Wirksamkeit Jesu ganz entschieden auch
seine Lehre gehöre und es ist damit durchaus nicht das Gegenteil von dem Vil-
marschen Gedanken gegeben, wie Bang behauptet; denn Vilmar will (s. o.) die
Kinder nicht zunächst an die Lehre, sondern an die Person Christi gewiesen
sehen, würde aber gewiß nichts gegen ein Verfahren einzuwenden haben, das die
Kinder in Jesu Lehre die Deutung seines Personlebens erkennen
und darin also seine Person verstehen lehrt. Das ist ja grade das
Eigentümliche bei Jesus, daß seine ,Lehre* nicht neben seiner Person steht, son
dern sich mit seinem inneren Leben deckt; wie bei keinem Weisen oder Propheten
sonst der Fall, ist er kein bloßer Verkündiger von Wahrheiten und Lehren sondern
lehrt nur was er lebt, wie er auch alles lebt, was er lehrt. Man könnte also
sein ganzes Leben vom Standpunkte seiner Lehre aus darstellen, wenn auch der

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.