Das Leben Jesu als Lehrstoff.
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einsichtigen und fleißigen Lehrer bisher gehindert hätte, die einzelnen im Historien
buch vorgesehenen Geschichten von Jesu zu einem einheitlichen Lebensgange zu-
sammenzusassen und ihren inneren Zusammenhang den Kindern deutlich zu machen.
Wir können nicht glauben, daß es viele deutsche Lehrer giebt, die so stumpssinnig
wären, um die einzelnen Geschichten isoliert hintereinander ziel- und planlos vor
zuführen, ohne eine innere Vergleichung und Verknüpfung zu versuchen. Daher
hatte ich, als ich das Leben Jesu auch für die eigentliche Christenlehre, für
den Katechismusunterricht als Anschauungsmaterial empfahl und in den Mittel
punkt des gesamten Religionsunterrichts zu stellen strebte, auch nicht daran ge
dacht, die Notwendigkeit eines zusammenhängenden einheitlichen und anschaulichen
Lebensbildes für den biblischen Geschichtsunterricht besonders zu betonen; das er
schien mir selbstverständlich und durch die ganze Tendenz unseres Religionsunter
richts geboten.
Deswegen wäre der „dringliche Reformvorschlag" durchaus noch nicht be
langlos ; denn es ist klar, daß System in diese bisherigen vereinzelten und wohl
meist noch ungenügenden Versuche gebracht werden müßte. Aber Bang will doch
wohl etwas wirklich Neues und Eigenes mit der Forderung eines historisch-prag
matischen Lebensbildes in die Didaktik einführen, und zwar, wenn ich richtig sehe,
nicht so sehr ein neues Lehrverfahren, als vielmehr einen neuen Lehr
stoff, wenigstens eine neue Form des Lehrstoffs. Sein historisch-pragmatisches
Lebensbild soll eine vollständige regelrechte „Geschichte Jesu" sein, entsprechend den
wissenschaftlich theologischen Darstellungen des Lebens Jesu. Bang hat solche,
namentlich B. Weiß' Leben Jesu, kennen gelernt und will sie nun zur Gewinnung
eines „pädagogischen und erbaulich-religiösen Zwecken dienenden Lebensbildes" ver
werten. Nun schätze ich meinerseits Prof. Weiß und sein hervorragendes Werk
außerordentlich, habe auch bei meinem Unterricht in der biblischen Geschichte großen
Nutzen aus dem Studium desselben gezogen und empfehle jedem strebsamen Lehrer
dringend solch eine tiefbohrende Vorbereitung. Dennoch bezweifle ich, daß die
Frage der Übertragung solcher biographischen Arbeit auf den Unterricht schon so
spruchreif ist, wie Herr Bang in seinem Eifer für die neue große Sache es
darstellt.
Das „Leben Jesu" ist eine verhältnismäßig neue theologische Disciplin. Es
giebt ernste Theologen, die ihr überhaupt die Berechtigung aberkennen, wie Bang selbst
mehrere anführt; die in Abrede stellen, daß eine Biographie Jesu im modernen
Sinne des Worts nach den gegebenen Quellen möglich ist. Die christliche Ge
meinde kennt bisher nichts anderes als die durch Gottes Vorsehung gebotene vier
fache Darstellung des Lebens Jesu durch die Evangelisten und höchstens einige
populäre Versuche, sie zusammenzufassen, besonders in der Leidensgeschichte.
Der Theologe muß weiter gehen und wenigstens versuchen, ein historisch
pragmatisches Lebensbild aus den vorliegenden Quellen herauszuarbeiten, d. h.

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