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I. Abteilung. Abhandlungen.
jeder der überlieferten Thatsachen oder Worte, nach kritischer Feststellung ihre
Zuverlässigkeit, ihren bestimmten Ort im Zusammenhange der Geschichte Jesu
anzuweisen. Es bleibt dies aber immer nur ein Versuch, eine dem Verfasser
eigentümliche Auffassung; von einer klassischen, allgemein anerkannten Feststellung
des Lebens Jesu, sozusagen von einem Normal-Leben-Jesu, wie es Normal-Kate
chismen giebt, ist keine Rede. Wir bewegen uns also auf unsicherem Boden und müßten
uns mit in den Streit der historisch-kritischen Schriftforschung verwickeln lassen.
Nun sehe ich nicht ein, warum die Didaktik ihren sicheren klassischen Boden,
den der vier Evangelien und Normalkatechismen, verlassen und sich in jenes Wirrsal
der theologischen Konstruktionen hineinbegeben sollte, so lange sie es noch eben ver
meiden kann. Das Alte Testament beginnt man schon uns zu verleiden, zumal die
Geschichten, die uns bisher die köstlichsten weil kindesgemäßeften schienen; viele Lehrer
werden nach den neuerdings darüber geführten Verhandlungen sie nicht mehr mit
ganz gutem Gewissen behandeln können. x ) Soll uns das Neue Testament nun
auch noch schwankend werden, indem wir uns bemüßigt finden zu den Streitfragen
der neutestamentlichen Geschichtsforschung Stellung zu nehmen? Herr Bang
meint, „die Zeichen der Zeit" drängten dazu, denn das junge, aufgeklärte Ge
schlecht bekäme von diesen kritischen Problemen genug anderswoher zu hören und
würde damit völlig irre an Bibel und Religion, wenn die Schule ihnen nicht die
rechte Position gewiesen hätte. Ich stehe diesem Gedanken sehr sympathisch gegen
über und möchte die darin vertretene Wahrheit um keinen Preis vernachlässigt
wissen. Aber wenn man einen Turm bauen will, soll man zuvor die Kosten
überschlagen, ob mans auch habe hinauszuführen. Der Turm ist sehr hoch und
die Kosten übersteigen möglicherweise doch unsere Kräfte! Will ich dem Schüler
ein streng-geschichtliches, vollständiges, widerspruchsfreies Leben Jesu vorführen, so
muß ich mir auch zuvor überlegen, ob ich ihm wirklich reine klare Antwort auf
alle Die heikeln Fragen geben will und kann, die da möglicherweise auftauchen
können. Denn da handelt es sich nicht nur um solche Lappalien, wie die von
Bang aufgeführten, z. B. ob der Versucher Jesum zuerst auf die Zinne des
Tempels und dann auf den hohen Berg geführt habe oder umgekehrt, oder ob
der Aussätzige vor oder nach der Bergpredigt geheilt sei, auch nicht bloß um die
anderen beliebten knifflichen Fragen, mit denen sich die alte Apologetik und Har-
monistik zu quälen pflegte: ob der Herr in Jericho einen oder zwei Blinde ge
heilt (vgl. Matth. 20, 30 und Mark. 10, 46) oder ob er gar das Vaterunser
in zwei verschiedenen Wortlauten gelehrt, die Einsetzungsworte des Abendmahls
verschieden ausgesprochen habe, welche letzteren Fragen doch offenbar schon keine
i) über diese Frage, die durch das Buch Das Judenchristentum in der reli
giösen Vorstellung des deutschen Protestantismus, besonders in Fluß ge
kommen ist, behalten wir uns noch ein Urteil vor.

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