Das Leben Jesu als Lehrstoff.
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Lappalien mehr sind. Es kommen dazu Fragen, die von der biblischen Ge
schichtsforschung sehr ernsthaft behandelt werden, wie die, ob der Todestag nach
der Überlieferung mit den Synoptikern auf den Freitag oder mit Johannes auf
den Passahtag, den Sonnabend anzusetzen ist; ob die Geburt in Bethlehem sich
mit der allgemein angenommenen nazarenischen Herkunft Jesu vereinigen lasse, wie
die Auferstehungsberichte zu harmonisieren seien, wie man mit der doppelten Jünger
berufung nach den Synoptikern und nach Johannes zurechtkomme rc. Für ein
pragmatisches Lebensbild aber noch viel eingreifender und belangreicher ist das
Problem, ob Jesus von vornherein in vollem messianischen Selbstbewußtsein und
Selbstzeugnis aufgetreten sei, wie Johannes es darstellt — zumal durch die
Tempelreinigung am Anfang — oder erst allmählich sich den allernächsten Freunden
als den Gottessohn offenbart, wodurch z. B. die synoptische Darstellung der
großen Verhandlung von Cäsarea Philippi mit den Jüngern (Matth. 16, 13 ff.),
allein verständlich würde. Wie soll nun das schulmäßige Leben Jesu in allen
diesen und ähnlichen schwierigen Fragen entscheiden? Der traditionellen konser
vativen Auffassung gemäß oder der historisch-kritischen? Und wenn nach ersterer,
— wird dadurch der von Bang mit Recht gefürchteten gottlosen Aufklärung der
Schüler besser vorgebeugt werden als durch das naive Dahingestelltseinlassen der
meisten dieser peinlichen Dilemmas? Werden da die Schüler, wenn ihnen erst
einmal all „der Schwindel und die Märchen vom Leben Jesu" von der social
demokratischen „Wissenschaft" aufgedeckt werden, nicht erst recht sich ärgern, daß
der Lehrer ihnen mit Vertuschung der Widersprüche etwas vorgeflunkert habe, daß
sie mit der anspruchsvollen Illusion eines echt ,historisch-pragmatischen^, also doch
der Wissenschaft analogen Lebens Jesu ,genasführt* sind?
Bang spricht von einem „gewagten Spiel" der üblichen Behandlung nicht
ohne Grund. Aber ich fürchte, die Vorführung eines quasi wissenschaftlichen hi
storisch-pragmatischen Lebensbildes könnte manchem erst recht als ein gewagtes
Spiel erscheinen. Sollte nicht der Einsatz weniger hoch und der Erfolg, wenn
möglicherweise auch bescheidener, so doch sicherer sein, wenn man sich mit der
Einzelbehandlung der klassischen vier Evangelienberichte begnügt, dabei den ,roten
Fadens „daß das Leben des Heilandes eine große Liebesthat war," den
Schülern recht merkbar macht, vielleicht auch noch sehr reife Schüler „die trei
bende Idee der Erlösungsabsicht oder der Himmelreichsstistung zu entrollen" an
leitet^) und namentlich dann auf Grund des Gelesenen und Betrachteten noch ein
3 Schulrat Grüllich bemerkt übrigens richtig: „Es entspricht gewiß nicht der kind
lichen Auffassungskraft und der verfügbaren Zeit, an dem Laufe der Ereignisse die Entwick
lung des Messias- und Reichsgedankens und die der Gegnerschaft darstellen zu wollen." —
„Die treibende Idee der Himmelreichsstiftung entrollen": ja, damit ist auch wieder ein
großes Wort gelüsten ausgesprochen! Wenn man weiß, wie jetzt grade die Theologen
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