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I. Abteilung. Abhandlungen.
zusammenfassendes „Charakterbild" Jesu zu gewinnen sucht? Mich deucht, das
Wesentliche und wirklich „Dringliche" von Herrn Bangs Reformvorschlag, das
Ziel, um dessen Ausstellung willen er so viel Anerkennung gesunden, ließe sich
mit diesen schlichteren Mitteln besser erreichen, als mit dem großartigeren, aber
gefährlicheren einer vollständigen historisch-pragmatischen Verarbeitung der vier
Evangelien. Erklärt auch B. Weiß, der ja auf ein streng historisches Lebens
bild Jesu so großen Wert legt und auf den sich Bang vorzugsweise beruft:
„Dem religiösen Bedürfnis genügen die Evangelien, wie sie sind, nicht nur zur
Not, sondern weil sie nach Gottes Rat grade die Gestalt erhalten haben, welche
demselben am vollständigsten entspricht" (Leben Jesu 1. Bd. XII). Nun, wenn
die Evangelien, wie sie sind, dem religiösen Bedürfnis durchaus genügen, so
dürfen wir das historisch-pragmatische Lebensbild doch wohl der Theologie über
lassen. Denn die Schule sollte ja doch wohl nicht „Theologie statt Religion
treiben!" — Und seltsam, nachdem man sich so eines langen und breiten in
gewistenhaster Prüfung mit Herrn Bangs Postulat eines historisch-pragmatischen
Lebensbildes befaßt hat, erklärt er schließlich, daß es ihm auf das Wort „hi
storisch-pragmatisch" eigentlich gar nicht ankomme! („Für Wahrh. und Fr."
S. 91.)
Genug, ich muß das aufgestellte Ziel eines ,historisch-pragmatischen Lebens
bildes^, falls es analog dem wissenschaftlichen Sinn dieses Wortes gemeint ist, so
lange als verfehlt betrachten, als uns Herr Bang noch nicht den Thatbeweis ge
liefert hat, daß ein solches wirklich für die Schule und in der Schule geleistet
werden kann und darf. Er hat uns ein solches Buch versprochen; ich will gern mit
meinem endgültigen Urteil warten, bis dasselbe vorliegt. Bis dahin halte ich
mich an die anderen, meines Erachtens aussichtsvolleren Möglichkeiten, ein „an
schauliches, zusammenhängendes und zusammenstimmendes Lebensbild" Jesu zu ge
winnen. Ein solches braucht nicht mit den Mitteln und nach den Grundsätzen
kritischer Geschichtsforschung erst „konstruiert" zu werden, es ist uns gegeben in
jedem der vier Evangelien, in dem einen mehr, in dem andern weniger. Wenn
auch den Evangelien mit Weiß der Charakter einer Biographie im modernen
Sinne des Worts durchaus abzusprechen ist, so soll man doch nicht den individuellen
Eigenwert jeder dieser vier klassischen Darstellungen des Heilandsbildes verkennen,
sie lediglich als „Material" für ein Lebensbild würdigen bezw. sie zu bloßem
Material herabwürdigen und sich einreden, ein wirkliches Lebensbild ließe sich nur
durch eine Evangelienharmonie, eine künstliche Zusammenschweißung aller vier Be
richte gewinnen. Dr. Thrändors hat meines Erachtens ganz mit Recht ein
einzelnes Evangelium seinem Leben Jesu zu Grunde gelegt und hofft mit Fug,
wieder in hellstem Streit über Jesu eigentliche Reichsgottesidee liegen, dann wird man
mit solchen so einfach scheinenden Anforderungen an die Volksschule etwas zurück
haltender !

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