Das Leben Jesu als Lehrstoff.
267
ein anschauliches, zusammenhängendes und zusammenstimmendes Lebensbild auf
diesem Wege zu gewinnen. Denn was sollten die Evangelisten wohl gewollt
haben, als ein solches Bild ihren Lesern zu bieten, ein jeder von seinem eigen
tümlichen Standpunkt aus und nach dem von ihm grade gewählten Leitgedanken
und Plane. Theophilus wäre ja doch schlimm in seinen Erwartungen betrogen
worden, wenn sich nun herausstellte, daß Lukas ihm keineswegs ein anschauliches,
zusammenhängendes und zusammenstimmendes Lebensbild des Weltheilandes vor die
Augen gemalt habe!
Verläuft der Lebensgang nach einem bestimmten Plane des Darstellers, so
ist doch wohl anzunehmen, daß es eher den Anforderungen des Anschaulichen,
Zusammenhängenden und Zusammenstimmenden entspricht, als wenn der Zu
sammenhang und die Zusammenstimmung von vier nach verschiedenen Gesichts
punkten arbeitenden Darstellungen erst gesucht und — gemacht werden muß!
Die Sache wird völlig auf den Kopf gestellt, wenn Bang dem Begriff „zu
sammenstimmend" die Bedeutung beimißt, daß alle anderen den Kindern etwa
bekannt gewordenen Geschichten zu dem vorgeführten Lebensbild nach dem einen
Evangelium stimmen, oder genauer, in es eingefügt werden müßten. Eine der
artige Forderung hat natürlich auch ihr gutes Recht und muß nach Möglich
keit berücksichtigt werden, hat aber doch an sich nichts mit der Idee eines zusammen
hängenden und zusammenstimmenden Lebensbildes zu thun! Und nun wird gar
behauptet, daß die Schule, wenn sie das Johannesevangelium nicht für das Lebens
bild Jesu mit heranziehe, sich „eben mit der landesüblichen Zerstückelung in lauter
zusammenhangslose Einzelgeschichten begnügen müsse" (F. W. u. Fr. 96) oder gar
daß man mit der Beschränkung auf einen Synoptiker „mit der elementarsten
und fundamentalsten didaktischen Forderung, mit der Anschaulichkeit in Konflikt
komme," und das Bedürfnis nach „Leben" ignoriere!*) Nun wird „Matthäus-
Thrändorf" abgekanzelt wegen z. T. ungeheuerlicher Verstöße gegen den Zu
sammenhang und den pädagogischen Takt rc.! Doch überlasse ich diese uiiqualifizier-
bare Bangsche Kritik ihrem eigenen Werte und streiche die ironischen Bemerkungen,
womit ich dieses seltsame Gebaren geißeln wollte. Es ist bedauerlich, daß Bang
seiner guten Sache einen so schlechten Dienst erwiesen hat, wie durch dies Pam
phlet wider seine Kritiker „Für Wahrheit und Freiheit"; ich fürchte, er wird
sich manche Sympathien auf Seiten der „Freunde seiner Schrift Das Leben Jesu",
zu denen auch ich mich rechne, dadurch verscherzt haben.
In Bezug auf die Wahl des Evangeliums kann man allerdings wohl an
*) Vgl. dazu die interessanten Bemerkungen von Dir. Pansch über die Behand
lung des Lebens Jesu in Untersekunda in Zeitschrift für Religions-Unterricht 1S94.
V. Jahrg. S. 25 ff. Auch Vilmar verlangt kein historisches „Leben Jesu," sondern
ein langsames und besonnenes Lesen der gesamten Evangelien." Herrn B. werden doch
wohl diese Worte, die doch das mehrgenannte von Herrn B. stark für sich in Anspruch
genommene Vilmarsche Diktum gerade einleiten, bekannt sein?

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.