Das Leben Jesu als Lehrstoff.
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Weise ein einheitlich geschlossenes, anschauliches und zusammenhängendes Lebensbild
zu gestalten sucht, das den Schüler besser die Entwicklung mit erleben läßt, als
es z. B. das sonst wohl noch übliche Gruppieren nach zusammenfassenden Ge
sichtspunkten, wie „der Heiland als Wunderthäter, als Lehrer" rc. thut.
Dagegen unterliegt meines Erachtens der neue Lehrstoff, den Bang in seinem
^vollständigen^, d. h. aus allen vier Evangelien und zwar mit Heranziehung
aller Stücke zusammengestellten, oder vielmehr historisch^pragmatisch konstruierten
Lebensbilde Jesu darbieten will, großen Bedenken. Allerdings beruft er sich für
diese seine Idee auf Dörpfeld, der es der deutschen Christenheit als schwere
Schuld vorrückt, in tausend Jahren keinen zweiten lesbaren, d. h. volkstümlich
durchschlagenden ,Heliand* mehr hervorgebracht zu haben (Ges. Schriften III,
2. Teil S. 24); und dem Verfasser dieses neuen schulmäßigen Lebens Jesu, —
von dem freilich bisher nur der Aufriß, die Disposition vorliegt — scheint in
der That diese von Dörpfeld gestellte große Ausgabe vorgeschwebt zu haben. Eignet
er dies mit guter Überlegung sich als sein Ziel an, so kommen wir uns auch in
diesem Punkte näher. Nur muß klargestellt werden: Es ist etwas anderes um
einen zweiten Heliand, d. h. eine mit dichterischer Kraft und Freiheit nach
bestimmtem Plane geschaffene Neuausprägung des Lebensbildes Jesu unter künst
lerischer Benutzung des vorhandenen „Materials", und etwas anderes um ein
den fachwissenschaftlichen Anforderungen genügendes, nach den Grundsätzen der
Geschichtsforschung verfaßtes historisch-pragmatisches ,Leben Jesu*, das vor allem
eine möglichst genaue Feststellung des Lebensganges, eine scharfsinnige, aus allen
gegebenen und zuverlässigen Einzelzügen gewobene Darstellung des Erlöserlebens
erstrebt. Bangs „dringlicher Reformvorschlag" scheint mir in dieser Beziehung
noch nicht hinreichend abgeklärt, da er einem unvereinbaren Doppelziele nachtrachtet.
Hätten wir einen neuen Heliand, ein volkstümlich-klassisches Leben Jesu, das in
mustergültiger Form alle wesentlichen und den Schülern bekannten Züge des
Heilandslebens zu einem „anschaulichen, zusammenhängenden und zusammen
stimmenden" Lebensgange verbände, den Erlöser uns in unserer Sprache und
Auffassungsweise so nahe rückte, so lebensvoll vor die Augen malte, wie der
Heliand es den alten Sachsen that, und so wirklich die vierfache Darstellung der
Evangelien zu ersetzen imstande wäre, ja, dann würde man gewiß mit Freuden
solch ein „durchschlagendes" Normalbuch dem Unterricht zu Grunde legen. Unsere
Zeit aber wird schwerlich solch einen anderen Heliand hervorbringen. Unsere
dahinzielenden Versuche werden wohl kaum über ein mehr oder weniger gelungenes
Mosaikkunstwerk aus den vier Evangelien herauskommen, wenn sie nicht eine rein
wissenschaftliche Darstellung oder aber ein ganz freies Phantasiepro
dukt sein sollen, wovon eins pädagogisch so unbrauchbar ist wie das andere.
Worauf aber kommt es an? Was soll das Bleibende sein für das Leben des
Schülers? Die Bekanntschaft mit dem Heilande nach seiner Persönlichkeit und

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